Wenn einem Schlangen wie Geschichten vor die Füße fallen …

Der Texttreff ist das Netzwerk wortstarker Frauen. Dort habe ich auch Petra Plaum getroffen, die als Journalistin auf jeden Fall wortstark ist. Sie hat mir meine Fragen zu ihren Schreibwerkstätten für Kinder und Jugendliche beantwortet:

Ein paar Worte zu dir, Petra Plaum: Was arbeitest du, was begeistert dich – auch unabhängig von Schreibwerkstätten?

Als freie Journalistin für Medizin und Bildung, Fachfrau für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Kurzgeschichten- und Sachbuchautorin habe ich es geschafft, vom Schreiben zu leben und weder mich noch meine Auftraggeber zu langweilen. Privat schlägt mein Herz für meine Familie – meinen Mann und unsere drei Teenagertöchter. Unsere Töchter haben mich zu meinen heutigen journalistischen Schwerpunkten gebracht und mich dazu inspiriert, Kurse für Heranwachsende zu entwickeln.

Wo und in welchem Rahmen bietest du Schreibworkshops für Kinder und Jugendliche an? Für welche Altersgruppe?

In der Jugendherberge im bayerisch-schwäbischen Donauwörth biete ich zweierlei Formate an: Eine Schreibpauschale „Deine Ideen, Deine Geschichten!“ für ganze Schulklassen der dritten und vierten Jahrgangsstufe und ein Mutter-Tochter-Wochenende „Mamas Kurzgeschichte, Tochters Blog“. Das Wochenende ist für erwachsene Frauen – zum Beispiel Mutter, Oma oder auch Patentante – und Mädchen ab 12 Jahren konzipiert. Während es im dreitägigen Angebot für die Klassen darum geht, einfach mal ganz frei, mit Spaß und ohne Angst vor Fehlern Geschichten zu erfinden, eignet sich das Wochenende auch für sehr ambitionierte Autorinnen. Ausflüge, Bewegung und viel Spaß in unserer schönen, ländlichen Gegend gehören immer dazu.

Gibt es eine Lieblings-Übung, die immer wieder besonders gut ankommt?

Bei JugendlicFrühling Wortbild Reizwortgeschichte Kreatives Schreibenhen und Erwachsenen kommt besonders gut an, wenn ich einen Begriff in den Raum stelle, zu dessen einzelnen Buchstaben jeder spontan einen Begriff nennen muss, der damit beginnt. In der Gruppe fliegen stets besondere Wörter durch den Raum – zuletzt etwa „Geschlechtsumwandlung“ und „Ranunkel“. Aus den ungewöhnlichsten Wörtern entstehen danach Reizwortgeschichten und es ist immer wieder verblüffend, zu was für unterschiedlichen Storys dieselben Begriffe führen.
Grundschulkinder mögen es meiner Erfahrung nach, Romananfänge weiterzuentwickeln. Auch kurze Notizen aus der Zeitung greifen sie gern auf. Ein Beispiel: Neulich las ich eine Zeitungsmeldung über eine Schlange vor, die aus heiterem Himmel einem Spaziergänger vor die Füße gefallen war. Dass sie vor dem Sturz die Beute eines Raubvogels gewesen war, der sie fallengelassen hatte, verheimlichte ich den Kindern jedoch. So fanden alle tolle Erklärungen für den Schlangen-Flug: Bei einem Jungen hatte Batman das Tier gekidnappt, bei einem anderen war sie eine berühmte Zirkusschlange, die von Einbrechern mit einem Hubschrauber entführt worden war. Die Schlange überlebte das Abenteuer zum Glück – in den Geschichten wie im echten Leben.

Hast du Tipps für Einsteiger, die neu als Schreibgruppenleiter anfangen wollen? Wie kommt man an Gruppen?

Jugendherbergen oder Schulen freuen sich über motivierte, kreative Referenten, die ein einwandfreies erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorweisen können, kinderlieb und nervenstark sind und eigene Materialien mitbringen. Wer Ehrenämter in Sport, Kirche oder Ferienprogramm ausübt oder eine pädagogische Aus- oder Fortbildung vorweisen kann, ist im Vorteil. Gut ist auch, wenn man schon Artikel oder Bücher für Kinder veröffentlicht hat. Ich habe zum Beispiel für unserer Tageszeitung regelmäßig Artikel für Fünf- bis Zehnjährige geschrieben und für ein Grundschulmagazin Reportagen verfasst. Referenten hilft es auch, sich ins Gespräch zu bringen – direkt bei infrage kommenden Trägern oder bei anderen Referenten, die einen weiterempfehlen können.

Worauf muss man beim Vorbereiten von einzelnen Übungen bzw. ganzen Schreibworkshops besonders achten?

Auf das Alter der Schüler, die Klassen- oder Gruppengröße und auch die Lese- und Schreibkompetenz der Teilnehmer kommt es an. Ich habe mehrere Bücher mit Übungen und Spielideen zum kreativen Schreiben und die passe ich so an, dass sie zur Gruppe passen. Arbeite ich mit einer ganzen Schulklasse, frage ich natürlich vorher die Lehrer, wo die Klasse gerade steht und wie viele Kinder vielleicht ein wenig Unterstützung brauchen. Bei Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche bzw. Legasthenie sowie Kindern, die noch nicht gut Deutsch sprechen, kann ich die Übungen so aufbauen, dass sie dennoch Erfolgserlebnisse haben. Entweder arbeiten die Kinder dann erst einmal mit gemalten Skizzen oder Audio-Aufzeichnungen, oder sie bilden Tandems, in denen ein anderes Kind, das leicht und gerne schreibt, ihre Ideen notiert. Wichtig ist, dass jede und jeder Freude an den eigenen Ideen hat und spürt: „Ich kann eine Geschichte erfinden! Ich kann meine Leser unterhalten und/oder zum Nachdenken bringen!“

Was nehmen die Kinder aus diesen Schreibwerkstätten mit? Warum hältst du solche Projekte für wichtig?

Bei den Kursen für Schulklassen gilt: Die Kinder sollen spüren, dass jeder Schreib-Talent hat. Bei Aufsätzen sind die Regeln ja doch sehr starr und wer häufiger schlechte Noten hat, denkt irgendwann: „Ich bin halt schlecht in Deutsch.“ Dabei können viele – Kinder wie Erwachsene – wunderbar fabulieren, doch Rechtschreibregeln und Erzählzeit sind für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Manchmal hat der Deutschlehrer auch einfach eine andere Auffassung von guten Texten als das Kind. Von Geschmacksfragen abgesehen, kann aber jeder seine Schreibe trainieren. Es ist wie beim Sport oder der Malerei, Übung macht einen besser und besser. Bei Jugendlichen und Erwachsenen, die schon viel in der Schublade haben und gut und sicher schreiben, ist meine Aufgabe eher eine Art Coaching in die gewünschte Richtung, ein Feilen an Charakteren, Dialogen und Handlungssträngen. Dazu kommt die Einladung, sich mit anderen Schreibbegeisterten auszutauschen und neue Textsorten auszuprobieren. In und nach den Kursen entstehen immer wieder so faszinierende Geschichten, dass ich denke: Wow, vorhin war da noch gar nichts und jetzt ist da dieser tolle Text … Dazu das Gesicht der Autorin, wenn sie ihn vorliest und merkt, er berührt andere … So viel Freude! Das ist für alle Beteiligten etwas Besonderes. Ich glaube, Hebammen fühlen ähnlich, wenn nach allen Sorgen, Ängsten und dem Schmerz ein einzigartiges Baby zur Welt gekommen ist.

Ganz herzlichen Dank, liebe Petra Plaum, für deine Antworten. Auf dass überall Kinder und Jugendliche solche wunderbaren Schreibwerkstätten genießen können!

 

Mehr zum Schreiben mit Kindern und Jugendlichen gibt es im Gastbeitrag von Andreas Schuster und im Artikel über meine eigenen Erfahrungen sowie in den Interviews mit Carmen Winter, Michaela Pelz, Dr. Birgit Ebbert, Jutta Wilke und Alice Grünfelder.

 

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