Lesung im Literaturhaus Zürich

Ausschreibungen und Wettbewerbe gibt es im Literaturbetrieb viele. Sie sind unterschiedlich bekannt und anerkannt, unterschiedlich honoriert und frequentiert – und unterschiedlich ist auch, was hinterher mit den Texten geschieht. Das Literaturhaus Zürich sucht bereits seit Jahren regelmäßig einen „Text des Monats“. Dazu gibt es unterschiedliche Schreibaufgaben. Eine Jury kürt aus den eingereichten Geschichten einen Monatsgewinner, der auf der Internetseite veröffentlicht wird. Im Folgejahr entsteht aus diesen Monatstexten eine Anthologie, die bei einer Lesung präsentiert und verteilt wird.

Im Februar 2017 habe ich mit meinem Text „Der Karton“ die Ausschreibung gewonnen. Im ganzen letzten Jahr galt es, erste Sätze zu einer eigenen Kurzgeschichte zu vervollständigen. Diese Anfangssätze stammten aus veröffentlichten Büchern – zum Teil von aktuellen Schweizer AutorInnen, zum Teil aus bekannten Werken wie Pippi Langstrumpf oder von Ingeborg Bachmann.

Für diejenigen unter euch, die selbst schreiben: In diesem Jahr sind es Bildimpulse, die zum Schreiben inspirieren sollen. Mehr zu den bisherigen Gewinnern und den aktuellen Ausschreibungen gibt es auf der Internetseite des Literaturhauses Zürich.

Lesung im Literaturhaus Zürich

Lesung-im-Literaturhaus-ZürichAm ersten Februarwochenende saßen elf der zwölf Vorjahressieger im gut besuchten Veranstaltungssaal des Literaturhauses direkt im Züricher Zentrum. In kleinen Gruppen kamen wir auf die Bühnen, lassen Text(ausschnitte) vor und bekamen Fragen zu unserer Geschichte bzw. unserem Schreiben gestellt. Anschließend gab es einen Apéro riche – und nette Gespräche mit Gästen und den AutorenkollegInnen.

Es war spannend zu erleben, wie die Vorgaben umgesetzt wurden. Viele von uns hatten sich ja nicht nur einmal an der Ausschreibung beteiligt, sondern zu mehreren Anfangssätzen Ideen entwickelt. Von überwundenen Kindheitsängsten vor riesigen Hunden und Ausspähfantasien, die bedrohlich real wirkten, bis zu Zahlenspielen war alles dabei. Aufschlussreich oder Zufall, dass die Autorinnen allesamt auf dialoglose Innenschau ihrer Protagonisten gesetzt haben und die einzigen Texte mit Gesprächen von den Autoren stammten? Wobei die Fortführung der Märcheneinleitung „Es war einmal“ gleich ein reiner Dialog war, der die Doppelbödigkeit von gemeinsam erfundenem Märchen und Übertragung auf den eigenen Alltag zwischen Vater und Tochter aufzeigte; großartig dialogisch von zwei Vorlesenden vorgetragen.

Lesung-im-Literaturhaus-ZürichSowohl für Zuhörer als auch Beteiligte war es ein kurzweiliger Abend, weil die jeweiligen Lesungen kurz waren und die Gespräche spannende Einblicke ins Schreiben von so vielen unterschiedlichen AutorInnen vermittelten. Ein bisschen konnte der Eindruck entstehen, solche Gewinnergeschichten entstünden mal eben so von alleine, weil wir fast alle sagten, wir hätten sie – zum Teil unter Zeitdruck – in einem Rutsch geschrieben. Dabei ist der Punkt, dass auch solche – wirklich kurzen – Texte nach der Rohfassung bearbeitet, überarbeitet, umgearbeitet werden müssen, ein bisschen kurz gekommen. Außerdem ging es in allen Fällen um Kurzgeschichten – bei der Planung und Ausarbeitung eines Romans sieht das eben schon wieder ganz anders aus. Auch hierbei war es spannend, zu hören, wer von den anderen an welchen Projekten arbeitet – und so sind sicherlich schon ein paar Fans für zukünftige Veröffentlichungen gewonnen …

Meine Leseversion der Kurzgeschichte: Der Karton

Es regnete stundenlang, nächtelang, tagelang, wochenlang.

Zuerst war der Pappkarton auf dem Terrassentisch nur durchweicht.

Wie immer hatte Holger den Tisch nicht weit genug zurückgeschoben, sodass eine Ecke ungeschützt war.

Auf dieser Ecke – vorne links – hatte er meinen Karton abgestellt.

Ich stand hinter dem Wohnzimmerfenster und schaute dem Karton beim Schmelzen zu. So wirkte es auf mich.

In den ersten Minuten des einsetzenden Regens sog sich der Deckel voll Wasser, die hellgraue Pappe war zuerst hier und da dunkler gesprenkelt; dann breiteten sich die feuchten Flecken aus, bildeten ein Netz wie ineinander verschränkte Hände, zogen zu den Rändern hin und liefen schließlich an den Seiten herunter.

Weiter und weiter prasselte es in den Garten, auf den nicht überdachten Teil der Terrasse, den Tisch, meinen Karton – und alles, was dort noch so herumlag.

Mal stärker, mal schwächer – als ich in die Küche rollte und die Hand aus dem gekippten Fenster streckte, dachte ich, dass es beinahe nur noch feuchte Luft wäre, kaum noch Regen –, doch dann kam eine neue Windböe und mit ihr wieder dieses Platschen. Stundenlang, bis der Deckel des Kartons so eingedrückt war, dass das Wasser in kleinen Pfützen auf ihm stand.

Als es sich nach ein paar Tagen und Nächten erst einmal seinen Weg hindurchgebahnt hatte, gab es kein Halten mehr. Immer tiefere Risse grub der Regen, sprengte die Fasern auseinander, schwemmte die Wände des Kartons nach links und rechts und vorne und hinten weg, sodass sie das Innere allmählich meinem Blick freigaben – als ob ich nicht ohnehin genau gewusst hätte, was darin war: Meine Medikamente. Die Fläschchen schälten sich heraus, die Tablettenblister fuhren auf den Pappresten wie Boote über den Tisch.

Ich stand noch immer hinter dem Wohnzimmerfenster und schaute dabei zu, wie meine Welt unterging. Zwischen meinen Fingern glaubte ich verklebte Pulverklümpchen zu spüren. Dabei war es nur meine Haut, die klebte und sich hügelig anfühlte, weil ich zu wenig aß und meine Dosierungen so stark heruntergefahren hatte, dass auch aus meinem Körper die Medikamente inzwischen herausgeschwemmt worden sein mussten wie die auf der Terrasse aus dem Karton.

Allmählich wurden meine Hände zu schwach, um die Räder des Rollstuhls zu wenden und in die Küche zu lenken. Die Wasserflaschen, die ich erreichen konnte, waren leer, aber ich konnte immer noch einen Becher aus dem Küchenfenster in den Regen strecken. Der hatte also auch sein Gutes, er erhielt mich am Leben. Von den Keksen und Bananen, die Holger hatte herumliegen lassen, war kaum noch etwas übrig.

Wie oft hatten wir darüber gesprochen, dass wir das Haus umbauen müssten, die Schwelle auf die Terrasse entfernen, die Stufen vom Eingang in den Wohnbereich mit einer Rampe versehen, die Tür zum Badezimmer verbreitern – aber es war bei diesen Gesprächen geblieben.

Genau so, wie ich Holger wieder und wieder darum gebeten hatte, das Telefon in meiner Reichweite liegen zu lassen und mein Handy nicht auf der Anrichte aufzuladen. Er hatte dies an sich abperlen lassen wie alle meine anderen Bitten – zum Beispiel, den Terrassentisch wieder ganz unter das Vordach zu schieben, wenn er mit dem Malen aufhörte.

Aber, ach, ich konnte ihm heute nicht böse sein, wenn ich ihn dort liegen sah, neben dem Terrassentisch, ebenfalls vollgesogen vom andauernden Regen. Es wird wohl ein Herzinfarkt gewesen sein, der ihn dort niedergestreckt hat, so nah und doch unerreichbar weit für meine Arme, die das einzige außer meinem Kopf sind, das noch funktioniert.

Jetzt wäre ich froh, wenn mein Kopf nicht mehr intakt wäre, denn er ist großartig darin, darüber zu spekulieren, was zuerst passieren wird: Dass Holgers Haut vom Regen so durchweicht wird, dass sie sich bei jedem weiteren Einschlag öffnen und ihn irgendwann der Auflösung preisgeben wird, oder dass mein Körper hier im Trockenen aufgibt.

Abwenden kann ich mich nicht, ich werde hier ausharren hinter meiner Scheibe und uns beiden zusehen, bis zum Schluss.

Der Anfangssatz stammt aus „Grieche sucht Griechin“ von Friedrich Dürrenmatt.

Zürichsee

 

One thought on “Lesung im Literaturhaus Zürich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.