Genre-Überblick von Schreibtrainerin Anette Huesmann

Die Schreibtrainerin Anette Huesmann erklärt in ihrem aktuellen Ratgeber „Buchgenres kompakt“ alles, was es für Autorinnen und Autoren zu diesem Thema zu wissen gibt. In ihrem Fachbuch erläutert sie, wie Genres entstanden sind und warum es diese Unterscheidungen gibt. Für alle, die sich mit dem Kreativen Schreiben beschäftigen, ist es eine gute Hilfestellung, um sich einen Überblick zu verschaffen und die eigenen Texte einordnen zu können. Denn auch wenn wir uns nicht gerne in Schubladen stecken lassen – wer veröffentlichen möchte, muss seine Texte einer klaren Kategorie zuordnen, damit sie für Verlage interessant sind und später in Buchhandlungen auch vermarktet, sprich einsortiert, werden können.

Wo verlaufen die Grenzen zwischen den Genres und Subgenres?

Auf der einen Seite erleichternd, auf der anderen Seite erschwerend: Texte lassen sich nicht so leicht in Schubladen einordnen, viele verstehen unter demselben Begriff andere Geschichten oder nutzen verschiedene Begriffe für dieselbe Geschichte. Dennoch bieten Einteilungen für alle, die mit Büchern zu tun haben, eine gute Orientierung. Aus Anette Huesmanns Klappentext:

Genres zeigen, was Bücher gemeinsam haben und was sie unterscheidet. Die Entwicklung der Genres im Laufe der Jahrhunderte lässt Erzähltraditionen sichtbar werden: Wo liegen die Wurzeln wichtiger Themen, was erzählten die Bücher dieser Genres früher und was erzählen sie heute?

Eindeutige und klar abgrenzbare Definitionen der Genres und Subgenres gibt es nicht. Viele Bezeichnungen sind im Laufe von Jahrhunderten im allgemeinen Sprachgebrauch entstanden, es finden sich Ungenauigkeiten und Überschneidungen.

Haben alle Romane eine Daseinsberechtigung?

Gut gefallen hat mir die Herangehensweise von Anette Huesmann:

Bei diesen vielen unterschiedlichen Arten von Romanen gibt es für mich kein besser oder schlechter, keine guten oder schlechten Romane. Alle Romane haben ihre Daseinsberechtigung. Die oft ideologisch geführte Diskussion um den Wert von Romanen scheint mir vollkommen am eigentlichen Sinn von Romanen vorbeizugehen. Denn alle Romane erfüllen auf ihre Weise einen bestimmten Zweck. Egal, was es ist, ob Romane unterhalten oder entspanne, ob sie erbauen, aus der Wirklichkeit entführen, zum Nachdenken anregen oder ästhetische Bedürfnisse erfüllen, ob es literarische Romane sind oder Heftromane – wenn sie ihren Zweck erfüllen, dann sind sie gut.

Als Norwegen-Fan mag ich diesen Ansatz sehr. Denn dort wird prinzipiell nicht zwischen U- und E-Literatur unterschieden, dort sollen Geschichten sowohl gut geschrieben als auch unterhaltend sein!

98 Genres und Subgenres

Anette Huesmann erklärt ihre Einteilung mit vielen (modernen) Beispielen, den Ursprüngen und Ausprägungen. Dafür hat sie dieses Muster gewählt:

  • Name des Genres
  • Synonyme
  • Charakteristik
  • Entstehung
  • Besonderheit
  • (aktuelle) Beispiele

Was ist Allohistoria oder Wuxia Fantasy?

Im ausführlichen Register sind noch einmal alle Synonyme und Subgenres aufgelistet. Das ist praktisch, wenn man einmal auf einen Genre-Begriff stößt, den man nicht kennt – so kommt man schnell zur Einordnung und darüber zur Beschreibung dessen, was es ist.

Für mich war das besonders erhellend bei diesen Begriffen:

  • Häkelkrimi (Landhauskrimi, Whodunit)
  • Nature Writing (bekannt heutzutage durch „Das geheime Leben der Bäume“, ist aber schon älter als Darwin)
  • L & L (= Love & Landscape, Liebesgeschichte in besonders schöner Umgebung)
  • Swashbuckling Fantasy (auch Pulp Fantasy, Low Fantasy – hier geht es im Gegensatz zu High Fantasy eher um das Schicksal einzelner Figuren als um das ganzer Völker)
  • Wuxia Fantasy (ein wichtiges Subgenre in der chinesischen Literatur über diverse Kämpfe)
  • Allohistoria (alternative Weltgeschichten, was hätte geschehen können)
  • Furry Sleuth Mystery (Krimi-Subgenre, bei dem eine Tierfigur ermittelt)

Wer braucht „Buchgenres kompakt“?

Wir alle – ganz eindeutig. Mit dieser Übersicht schließt Anette Huesmann eine Lücke in der Fachliteratur. Egal, ob sich jemand für ein bestimmtes Genre interessiert und nachschauen möchte, welche Trends es dort gibt und welche verwandten Subgenres, oder ob jemand für seinen eigenen Text genauer einordnen möchte, damit sich die Kommunikation mit Agenturen, Verlagen oder Buchhandlungen einfacher gestaltet. Man bekommt die passenden Fachbegriffe geliefert, um selbst als Profi auftreten zu können.

Und auch wer sich „einfach nur so“ für Literatur interessiert: Durch ihre leicht verständliche Schreibweise und die übersichtliche Gestaltung empfiehlt sich das Fachbuch auch als Lektüre ohne besonderes Anliegen – ein paar Tipps, welche Bücher mal (wieder) gelesen werden können, fallen dabei auch ab. Übrigens: Der Ratgeber ist durchgehend gegendert – und an alle SkeptikerInnen dessen: Es fällt gar nicht auf, alles liest sich flüssig und natürlich.

Meine Wünsche über den Ratgeber hinaus

Das einzige, was ich vermisst habe, ist ein bisschen mehr darüber, woher das Wort „Genre“ überhaupt stammt, wie sich diese Bezeichnung für „Klassifikation“ durchgesetzt hat, was sie von Gattung und Stil abgrenzt usw. Dass alle, die sich für dieses Buch interessieren, wissen, was damit gemeint ist, sei mal vorausgesetzt …

Was noch als Hilfestellung toll wäre: Ein Schema, mit dem alle ihre Texte den Genres zuordnen können. Also über Fragen, die sich mit „Ja“ und „Nein“ beantworten lassen und Pfeilen, die auf die nächste Ebene führen, festlegen können, in welche Schublade ich meine Geschichten stecken könnte, wenn ich wollte. Eigentlich ein unmögliches Unterfangen – zunächst müsste man das passende Hauptgenre finden und dann mit Fragen durch die einzelnen Subgenres geleitet werden … Allerdings ein Projekt, das ich Anette Huesmann durchaus zutraue …

Und natürlich kommen einem bei einigen Genres bestimmte AutorInnen in den Kopf, die hier nicht erwähnt sind – bei mir sind das natürlich insbesondere norwegische. Aber so bleibt es spannend, darüber nachzudenken, wo man die eigenen Lieblingsromane einordnen würde; eine gute Übung für die eigenen Texte.

Buchgenres kompakt – noch mehr von Anette Huesmann

Annette-HuesmannDer Autorin Alice Grünfelder hat Anette Huesmann eine Reihe von Fragen zu „Buchgenres kompakt“ beantwortet. Das Interview könnt ihr auf dem Blog von Alice Grünfelder nachlesen.

Wer mehr über Anette Huesmanns Arbeit als Schreibtrainerin erfahren möchte, kann das Interview lesen, das sie mir im Januar gegeben hat. Auf ihrem Blog veröffentlicht sie immer wieder Artikel voller Fachinformationen und Tipps für Schreibende.

Auch Wolfgang Tischer vom Literaturcafé lobt Anette Huesmanns Buch. Hier findet ihr seine Rezension.

PS: Schön finde ich ja immer, wenn sich Netzwerk-Kreise schließen. Alice Grünfelder und Anette Huesmann kenne ich beide aus dem Texttreff, dem Netzwerk wortstarker Frauen. Zu ihren Schreibwerkstätten habe ich Alice ebenfalls schon interviewt, und im Frühling hat sie mein Interview mit der Autorin Katarina Pollner über deren spannnendes Seminarkonzept „Tanzen und Schreiben“ veröffentlicht.

Anette Huesmann: Buchgenres kompakt. Handbuch der Genres von Actionthriller bis Zeitgeschehen. 2019. ISBN 978-3-74814511-0. Taschenbuch 14,99 Euro, E-Book 9,99 Euro

Zu beziehen zum Beispiel über eine lokale Buchhandlung, den Shop der Autorenwelt oder Anette Huesmanns Internetseite: www.die-schreibtrainerin.de.

  • Titelbild: Maike Frie
  • Poträtfoto: indigoMS

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