Auswärtsausschuss – eine Geschichte aus Norwegen

Zwei Schlüsselchen öffnen dir jedes Herz, zwei niedliche, kleine, blanke. Sie heißen Bitte und Danke.

In Pias Hand glänzen vier Schlüssel in der Nachmittagssonne. Sie hasst diesen Spruch, den ihre Mutter sie immer und immer wieder in die Poesiealben zu schreiben gezwungen hat. Wenigstens bei Philipp hätte sie … Aber es ist eben nicht ihre Art, ihrer Mutter zu …
Am meisten hasst sie es, dass ihr jetzt und hier, in dieser Situation dieser Spruch durch den Kopf geht. Nein, der Spruch kann nichts dafür, es ist ihre Mutter, die jetzt und hier nichts zu suchen hat und sich doch wieder einmischt.

Pia pustet sich die Haare aus dem Gesicht und stopft die Schlüssel in ihre Tasche. Die schräg einfallenden Sonnenstrahlen machen den windzerknitterten Wohnheimplan in ihrer Hand nicht gerade lesbarer. Pia muss sich umdrehen, um die richtigen Eingänge erkennen zu können.
Erster Schlüssel: Von der Küche aus der Blick über die niedrigeren Häuser auf dem Gelände, aber vor dem Zimmerfenster eine dicke Birke. Das ist es nicht.
In der zweiten WG muss sie die Eingangstür gewaltsam aufdrücken. Kartons stapeln sich im Flur, das Radio dudelt aus dem Badezimmer. Unter der Toilettentür kriecht Lichtschein zu ihr, aber niemand antwortet auf ihr „Hei“. Die dreckigen Teller in der Küche stehen auf Fensterbank und Fußboden herum und Pia geht gar nicht erst hinein.
Um den dritten Schlüssel benutzen zu können, schiebt Pia eine Deutschlandflagge zur Seite. Martin, Lara, Svenja, Otto und Birthe steht auf den Zimmertüren. Pia bleibt im Flur und dreht den Schlüssel zwischen den Fingern hin und her. Sie schaut sich das freie Zimmer nicht an. Das ist es nicht, weshalb sie hergekommen ist.
An der vierten Tür hängt schon draußen ein Namensschild: Siri, Frode und viele Fragezeichen. Pia streicht mit den Fingern über die Ornamente auf der Flurwand. Auf dem Küchentisch sitzt eine Plastikspinne vor zwei Fotos. „Siri, Frode og Wanda venter på deg“ steht auf einem Zettel. Pia schlägt in ihrem Wörterbuch nach. Vente heißt warten; dass deg dich bedeutet, weiß sie schon. Bodentiefe Küchenfenster und im Bad bunte Zahnputzbecher.
Pia steckt den Schlüssel in ihre Hosentasche und bringt die anderen zur Verwaltung zurück.

*****

Am nächsten Abend gibt es eine Party in der WG. Siri schiebt die Spinne Wanda bei Frode unter dem Türspalt durch und schließt dann ihre eigene Zimmertür. Pia steht mit den Händen in den Taschen da und wartet ab.
Es kommen gleich Leute zum Vorspiel, sagen die anderen und Pia lehnt sich mit dem Rücken an die Fensterbank. Als Frode seine Tür abschließt, macht sie das auch.

Um halb neun klingeln die Jungs vom Flur gegenüber. Sie heben Pia ihre Bierflaschen entgegen, als sie grüßen, und Pia denkt, typisch Ami, aber dann kommen Siris und Frodes Freunde von der Uni und packen ebenfalls klirrende Tüten in die Ecke. Es wird nichts herumgereicht und Pia weiß nicht, wohin mit ihren Händen, also lässt sie sie in den Taschen stecken.
Siri sagt „skål“, als sie Pia ein Bier gibt, und schiebt sie einem Typen in die Arme, der so norwegisch „hei“ murmelt, dass Pia ihm nur zunickt. Sie stehen zehn Minuten voreinander, gestikulieren und trinken.
Dann schlägt einer Siri zu Boden und Pias Typ drängt sich vor, um dem Kerl den Arm auf den Rücken zu drehen und ihn aus dem Fenster zu schubsen. Die Amerikaner sind schon rausgelaufen.
Frode zieht den Kerl auf die Beine und winkt Pia zu.
„Deutsch?“, sagt er zu ihr und Pia legt den Kopf schräg, denn schließlich wissen sie beide, dass Pia Deutsch spricht.
Doch dann versteht sie Frode und stößt dem Kerl einen Finger in den Bauch.
„Was war denn das für eine Nummer?“, fragt sie und er schüttelt den Kopf.
„Keine Ahnung, was hier für ein Film läuft“, sagt er und dann dreht er sich von Pia weg und kotzt Frode vor die Füße.
Der springt zurück und lässt den Kerl los.
Die Amerikaner haben sich mit Siri in ein Taxi gedrängt und fahren hupend davon. Pia schiebt den Kerl an eine Mauer und stellt sich breitbeinig vor ihn. Er schüttelt noch immer den Kopf.
„Sie hat mich doch zum Vorspiel eingeladen“, sagt er und faselt etwas von teuren Häppchen, die er extra gemacht und dem Selbstgebrannten seines Mitbewohners, den er beim Vorbereiten getrunken und der Geste, die Siri vollkommen missverstanden habe.
Ihr Typ von vorhin schiebt Pia zur Seite und schüttelt auch den Kopf. Sieht ein bisschen schräg aus, wie die beiden da voreinander stehen und mit den Köpfen wackeln, denkt Pia. Aber vielleicht ist das hier so ein Ritual und sie wird gleich noch mehr ungeahnte Einblicke in exotische Kulturen zu sehen bekommen?
Doch da sagt ihr Typ „Du Penner, Vorspiel ist Vorglühen. Am besten, du verpisst dich unauffällig.“
Dann nimmt er Pia ihre Flasche ab, steckt sie in eine Tüte und verbirgt sie in dem Gebüsch unter dem Küchenfenster. Er zieht Pia am Arm und sie fahren mit dem Taxi zum Spektrum.
Frode sitzt neben Pia und fuchtelt mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, während er lauter Fragen an ihren Typen herunterrattert, der keine Antworten, nur Gegenfragen zu haben scheint. Endlich ist Frode still und Pias Typ, Jan, spricht auf Deutsch weiter.
„Wieso sprichst du Deutsch?“, unterbricht sie ihn.
„Wieso sprichst du Deutsch?“, fragt Jan zurück, und Pia denkt, dass ihm das dringend mal jemand sagen muss, wenn er zu Hause nicht ständig auffallen will.

Trotz Konzerttrubel im Spektrum haben sie Siri und die Amerikaner bald wiedergefunden. Sie fragen sich nicht dauernd gegenseitig etwas, aber Pia kann durch all den Lärm deutlich heraushören, wo sie herkommen.

„Warum antworten die sich hier eigentlich nie?“, fragt Pia Jan später, als sie bei zehn Grad und Dämmerlicht wieder vor die Tür gehen.
Jan zieht die Augenbrauen zusammen. Es ist sein letzter Abend in Oslo, er hat sein Jahr schon hinter sich. Dann lacht er. Er kichert und hickst, als hätte Pia sonstwas …, aber er ist wohl einfach nur besoffen.
„Tonem“, lallt er und fuhrwerkt er mit seinem Zeigefinger auf einem Fahrplan herum, obwohl nicht mal Pia die Schriftgröße mehr lesen kann.
Dann kommt eine Straßenbahn und sie stolpern eingehakt hinein. Jan schnarcht an ihrer Schulter, und weil er trotz Fahne gut riecht, weckt Pia ihn nicht auf. Sie will jetzt nicht alleine sein, und wenn sie ihn irgendwo sitzen lässt, verpasst er wohlmöglich seinen Rückflug.

Beim Bremsenquietschen an der letzten Station reißt Jan den Kopf hoch und sie steigen aus. Sognsvann liest Pia auf einem Schild und hofft, dass Jan im letzten Jahr kein fanatischer Naturfreund geworden ist. Pia hat im Flugzeug ein Bild von dem riesigen Waldgebiet am Stadtrand gesehen. Doch Jan bleibt auf der Schotterpiste mit den Straßenlaternen.
Er wolle ihr nur den See zeigen. Er läuft zum Ufer hinunter und zieht sich aus, und Pia sieht sich um, aber sie sind allein. Er springt kopfüber hinein und taucht und Pia überlegt, ob sie ihm von ihrem Rettungsschwimmerschein erzählt hat, aber sie glaubt nicht, also setzt sie sich neben sein Shirt und wartet ab.
Es prustet an der dunklen Wasseroberfläche und Jan schwimmt zu ihr zurück.
Er schüttelt sich, als sei er ein Hund und so sieht er auch aus mit den schwarzen, glänzenden Haaren am ganzen Körper. Als er neben ihr liegt, blickt er auf seine Uhr und sagt „noch drei Stunden, dann muss ich los“ und Pia ist sich sicher, dass das eine Frage war, obwohl er nicht mit der Stimme hochgegangen ist.

Pia fährt mit zum Flughafen und als sein Flug aufgerufen wird, steckt er ihr die Zunge zwischen die Zähne, bis es last call heißt. Pia ruft ihm ihre Nummer nicht hinterher, weil sie sich die Blöße nicht geben will, dass er nicht anruft. Pia kann ja immer noch Siri fragen oder Frode oder die Amerikaner von gegenüber.

*****

Pia schläft bis zum Nachmittag. Vor ihrem Fenster grölen ein paar Mädels. Die spinnen, die Wikinger, hat ihr Bruder immer gesagt, und vielleicht hätte Pia auf ihn hören sollen.
Als Pia aus der Dusche kommt, sitzen Siri und Frode in der Küche. Siri springt auf, als sie Pia hereinkommen sieht, und wühlt in der Tiefkühltruhe. Mit dem Deckel auf dem Kopf spricht sie mit Frode, aber Pia versteht nichts außer ihrem Namen und grandios.
Frode guckt nicht begeistert, aber als Siri eine Pizza herauszieht, protestiert er nicht. Pia mag wenig auf Pizza, aber das ist nicht das Problem. Der Name grandiosa muss sich durch irgendetwas anderes begründen, denn Belag ist kaum auf der Pizza.
Pia zieht einen Schein aus der Hosentasche und schiebt ihn Frode über den Tisch zu. Er guckt sie an und ist entweder beleidigt oder belustigt. Vielleicht hätte sie sich den Wechselkurs vorher genauer angucken sollen.
Aber sie nimmt den Schein nicht zurück und Frode fischt ihn vom Tisch, als er sich umdreht und ein kleines Päckchen aus der Truhe holt. Zwischen den Fingern dreht er eine kleine Rolle und Pia blickt hoch zum Feuermelder. Frode fängt ihren Blick auf und sagt „snus“. Pia kennt snus nicht, aber als Frode sich die kleine Rolle unter die Oberlippe schiebt, hat sie wieder ein Wort gelernt.

Später nimmt Frode Pia am Arm, fragt „øl?“ und sie greift sich eine Flasche, die irgendwie in ihr Zimmer geraten ist, und geht hinter ihm her.
Sie überqueren den Platz zwischen den Wohnblöcken, und am Hochhaus drückt er auf eine Klingel. Es passiert nichts, Frode ruft jemanden an, und dann geht die Tür auf und die beiden in den fünfzehnten Stock.
Es sitzen lauter Leute in der Küche und das Fenster ist weit offen. Es ist ein Gitter davor, aber Pia will trotzdem nicht in die erste Reihe, Pia will eigentlich überhaupt nicht hier sein, Pia will nicht schon wieder Bier trinken, ohne zu wissen, worum es geht. Vor ihr müssen die grölenden Mädels von eben sein, oder alle Norwegerinnen halten sich an diesem Tag in den Armen und brüllen angeheitert herum.
„Fußball“, sagt Frode und dann hört Pia es auch.
Das Stadion für die ganz großen Spiele ist nur einen Steinwurf entfernt und man kann den Stadionsprecher verstehen, sodass alle ah und dammit machen.
Pia macht nichts, trinkt ihr Bier leer und geht in die WG zurück.

*****

In der Nacht träumt Pia von Jan.
Er jongliert mit Äpfeln, während Pia auf einer Bank in einem Hinterhof sitzt, die letzten Sonnenstrahlen genießt, die noch über die Hausdächer flackern und ihre Köpfe erreichen. Ihr wird kalt, sie zieht ihre Jacke enger um sich. Die Äpfel waren teuer. Jan lässt zwei fallen und beißt in den dritten.

*****

Jemand hat Jans Nummer in Wandas Bauch geritzt. Pias Verdacht fällt auf Frode, weil er sie offensichtlich zu seinem Projekt erkoren hat. Als Pia Wanda am Fuß aus ihrer Jackentasche zieht, bemerkt sie die Kratzer auf ihrer Unterseite. Es sind Zahlen und Pia wählt. Jan meldete sich nur mit „hei“, aber Pia erkennt seine Stimme auch durch die Leitung. Ihr fällt gerade keine Frage ein und sie legt auf.

Am Abend erzählt Frode ihr etwas vom Amatøren und weil Pia wohl so verständnislos guckt wie sie ist, sagt er „øl?“ und Pia folgt ihm.
„Norsk?“, sagt er, als sie sich in der Kneipe auf dem Wohnheimgelände gegenüber sitzen.
Pia nickt, und dann zeigt er auf lauter Sachen und nennt die norwegischen Worte. Pia wiederholt brav, was er sagt. Dann kommt zum Glück Siri. Sie fragt Frode lauter Sachen, er fragt zurück und dann lehnt sich Frode mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl nach hinten.
„He does not like to speak English“, sagt Siri zu Pia.
Pia nickt und die beiden Mädels unterhalten sich und lassen Frode einfach sitzen. Pia fragt auch Siri, warum sich alle immer nur lauter Fragen stellen, und Siri lacht und erklärt ihr etwas von der norwegischen Satzmelodie.
„Tonem?“, fragt Pia und Siri blickt sie erstaunt an.

*****

Es gibt nichts zu tun am Montag, und so wartet Pia darauf, dass Frode sich wieder um sie kümmert. Aber anscheinend haben sie ihn beleidigt, denn Pia sieht ihn den ganzen Tag überhaupt nicht. Siri sitzt seit morgens in der Küche, trinkt Kaffee und kritzelt auf einem riesigen Stapel von Ausdrucken herum. Sie sieht Pia genervt an, als die sich auch einen Becher holt und im Türrahmen stehen bleibt.
Also geht Pia raus und läuft anderen Studierenden hinterher. Zwei gehen so schnell den Berg runter, dass Pia denkt, die werden wohl ein Ziel haben, und ihnen folgt. Sie fahren mit der Straßenbahn und steigen in Blindern aus, und weil Pia gelesen hat, dass so das Unigelände heißt, steigt sie ebenfalls aus.
Pia sieht sich nach englischen Schildern um und findet das Büro für die ausländischen Studierenden. Eine schwarzhaarige Lange drückt ihr ein Programm in die Hand und Pia sagte „danke“, weil so hartes Englisch nur Deutsche sprechen.
Die Deutsche tippt auf die Kaffeestunde und auf die Begrüßungsveranstaltung am Ende der Woche. Pia mag keine Veranstaltungen, aber weil sie nicht einmal weiß, wo ihr Sprachkurs sein wird, will sie doch hingehen.
Draußen fließt Wasser über viele Stufen das Gelände hinab. Überall sitzen Leute herum und keiner sieht aus wie ihre Mutter. Pia fühlt sich wohl hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.