Stephen King über Das Leben und das Schreiben

Wenn Sie Schriftsteller werden wollen, müssen Sie vor allem zweierlei tun: Viel lesen und viel schreiben.

Rezension zu Stephen Kings Das Leben und das Schreiben

Von Stephen Kings Mischung aus Autobiographie und Schreibratgeber sind – vollkommen zurecht! – sehr viele begeistert. Auch ich bin gerne Kings Lebensweg gefolgt und habe Einblicke in seinen Schreiballtag gewonnen. „Das Leben und das Schreiben“ ist wie seine Romane leicht lesbar; seine Tipps und Hinweise erfinden das Schriftsteller-Rad nicht neu, bestätigen aber aus der Sicht eines erfahrenen Praktikers die – manchmal eher theoretischen – Überlegungen vieler Schreibratgeber. Eine unbedingte Empfehlung meinerseits!

Dies ist ein kurzes Buch, denn Bücher über das Schreiben sind voller Blödsinn. Belletristikautoren, ich eingeschlossen, haben keine große Ahnung davon, was sie eigentlich tun.

Was Stephen King mit Juli Zeh gemeinsam hat

Darin, dass Autoren sich nicht übers Schreiben auslassen sollten, ist sich King übrigens mit Juli Zeh einig, die bei ihrer Frankfurter Poetikvorlesung 2013 auch zunächst sagte, Autoren könnten keine Poetikvorlesung halten. Meine Rezension zu ihrem „Treideln“ gab es im Juni.

Worin sich die beiden noch einig sind:

„Schreibe bei geschlossener Tür, überarbeite bei offener Tür.“ Mit anderen Worten: Am Anfang gehört die Geschichte einem selbst, aber am Ende geht sie hinaus in die Welt. Sobald man weiß, wie die Geschichte aussehen soll, und man sie (so gut man kann) hinbekommt, gehört sie jedem, der sie lesen will. Oder sie kritisieren will.

Auch Juli Zeh sagt, dass sie zunächst zum Schreiben einen geschützten Raum (sie nennt es ein „Nur-So“) braucht, um Schreiben zu können. Und was Leser hinterher darin sehen, liegt ohnehin nicht in der Hand des Autors. Worin sie sich jedoch uneinig sind, ist, dass Zeh die Leser beim Schreiben komplett ausblendet, wohingegen sich King einen idealen Leser (in seinem Falle seine Frau) vorstellt, dem der Text später gefallen soll.

Schreibprozess und Schreibumgebung

King beschreibt seinen Schaffensprozess ebenso detailliert wie seine Überarbeitungsphasen. Für elementar erachtet er es, Abstand zum eigenen Text zu gewinnen, bevor man ihn selbst überarbeiten kann, damit man ihn möglichst unvoreingenommen wie ein fremder Leser betrachten kann. Für King gehört Kürzen beim Schreiben grundlegend dazu, denn das Langweilige soll rausgestrichen, das Tempo erhöht werden. Als Beispiel nennt er Vorgeschichten, die er für größtenteils uninteressant hält – und die somit rausfliegen können.

Spannend sind Kings Gedanken zur idealen Schreibumgebung: Seine ersten Geschichten als Erwachsener hat er unter zeitlich und räumlich sehr beengten Bedingungen geschrieben und sich – wie vermutlich beinahe jeder Schreibende – gedacht, wenn er erst einmal einen riesigen Schreibtisch, viel Ruhe und ausreichend Zeit habe, dann … Und dann stellt er fest, dass er an einem riesigen Schreibtisch und in Ruhe gar nicht schreiben kann, sondern seinen Alltag und die Störungen seiner Familie braucht: „Schließlich ist es das in die Schale eindringende Staubkorn, das in der Auster zur Perle wird, und nicht Seminare über Perlenherstellung mit anderen Austern.“ Eine Ermutigung (und ein Tritt in den Hintern des inneren Schweinehundes) für alle, die glauben, wenn sie erst ideale Bedingungen hätten, würden sie ideale Texte liefern.

Kings Werkzeugkasten

Um gut zu schreiben, muss man die Grundlagen beherrschen (Wortschatz, Grammatik, Stilistik)

Diese Grundlagen bezeichnet King als einen Werkzeugkoffer mit mehreren Ebenen, den ein Autor immer dabei haben solle. Man braucht nicht für jede Arbeit jedes Werkzeug, das sich darin befindet, weshalb es überflüssig erscheint, ein so schweres Stück stets bei sich zu tragen, aber da man nie weiß, was auf einen zukommt, hält er es für sinnvoll, für alle Eventualitäten gut gerüstet zu sein. In seinem Werkzeugkoffer finden sich folgende Werkzeuge:

Auf der obersten Ebene liegen die alltäglichen Werkzeuge, als gebräuchlichstes der Wortschatz sowie die Grammatik. In der Schublade darunter liegen die Stilelemente der Sprache (er bevorzugt eine einfache, klare Sprache – möglichst ohne Adverbien, mit wenigen Adjektiven und nur den klassischen Redeeinleitungen) inklusive Absatzgestaltung und damit Lesefreundlichkeit, Tempo und Rhythmus eines Textes. Auf der dritten Ebene werden diese Elemente zusammengefügt, damit ein Roman entsteht.

Meines Erachtens setzen sich Geschichten und Romane aus drei Elementen zusammen: Die Erzählung spinnt den Faden von A zu B und schließlich zu Z, die Beschreibung erschafft für den Leser eine sinnlich wahrzunehmende Realität, und der Dialog haucht den Figuren mittels ihrer Sprache Leben ein. Vielleicht fragen Sie sich, wo denn die Handlung bleibt. Die Antwort lautet (meine wenigstens): nirgends. […] Aus zwei Gründen misstraue ich vorfabrizierter Handlung: Erstens kommt sie in unserem Leben nicht häufig vor […] und zweitens bin ich der Meinung, dass sich eine vorskizzierte Handlung nicht mit der spontanen Entstehung von Texten vereinbaren lässt. […] Ich bin überzeugt, dass sich Geschichten in erster Linie selber erschaffen. Der Schreiber hat die Aufgabe, ihnen einen Ort zur Verfügung zu stellen, an dem sie sich entwickeln können, und sie natürlich schriftlich festzuhalten. Geschichten sind Fundstücke, wie Fossilien im Boden. […] Die Aufgabe des Schriftstellers ist es, jede Geschichte mit den Instrumenten seines Werkzeugkastens so unbeschädigt wie möglich aus dem Boden zu heben.

Mit dem Thema Beschreibungen beschäftigt sich King ebenfalls genauer:

Die Beschreibung lässt den Leser mit allen Sinnen an der Geschichte teilhaben. Gekonnte Beschreibung ist erlernbar, einer der Hauptgründe, warum Sie nur dann erfolgreich sein können, wenn Sie viel lesen und schreiben. […] Schwache Schilderungen hinterlassen beim Leser ein konfuses und unscharfes Bild. Zu viel Beschreibung hingegen erschlägt ihn oder sie mit Details und Bildern. Der Trick ist, die Goldene Mitte zu finden. Während Sie Ihren Hauptjob erledigen, das Erzählen einer Geschichte, ist es wichtig zu wissen, was beschrieben und was fortgelassen werden kann. […] Beschreibung beginnt in der Fantasie des Autors, sollte jedoch in der des Lesers enden.

Kings Fazit

Es ist wie das Abheben in einem Flugzeug: Man ist am Boden, am Boden, am Boden … und dann ist man oben, schwebt aus einem Zauberteppich aus Luft und fühlt sich wie ein Herrscher über all das, was man erblickt. […] Eigentlich geht es nur darum, das Leben derer, die Ihre Bücher lesen, und Ihr eigenes Leben zu bereichern.

Neben interessanten Einblicken in die Schreibpraxis eines sehr erfolgreichen Autors gewährt King ebenfalls recht offenherzig Einblick in seinen Lebensweg: seine vielen Absagen, die er als Schreibanfänger erhalten hat (aber auch sein unbändiger Durchhaltewillen), die finanziell schwierigen familiären Anfangsjahre sowie seine Alkohol- und Drogensucht und der schwere Unfall, der einen tiefen Einschnitt für ihn bedeutete.

Mehr über Stephen King auf seiner eigenen Internetseite, auf Wikipedia und auf seinem Twitter-Profil.

Stephen King: Das Leben und das Schreiben, Heyne 2011 (Originalausgabe On Writing – A Memoir Of The Craft von 2000), ISBN 978-3-453-43574-2

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