Skulptur-Projekte in Münster als Schreibimpuls

Schreibanlässe gibt es viele, und auch viele Gelegenheiten, neue Schreibimpulse zu entdecken. Die Skulptur-Projekte, die alle zehn Jahre in Münster stattfinden, sind ein gutes Beispiel dafür. Mit anderen Schreibenden habe ich mich an verschiedenen Orten getroffen, um mich von der Kunst selbst, aber auch vom ganzen Drumherum inspirieren zu lassen: von den Besuchern, den Gesprächsfetzen, die an einem vorbeitreiben, von den Informationen rund um die Kunst und den eigenen Gedanken, die aus diesem Mix entstehen. So ist auch dieser Text entstanden:

„Tender Tender“ von Michael Dean im Lichthof des Stadtmuseums Münster

 

„Darf ich Sie küssen?“

Das ist eine der wenigen Fragen, die ihm noch nicht gestellt worden ist. Von der Suche nach der Toilette über die Bitte, für ein Foto zu posieren, bis zu pseudointeressierten Kunstdiskussionen ist ansonsten täglich alles dabei.

Doch heute fragt ihn diese Dame, die schon ein paar Mal mit ihrem Regenschirm da gewesen ist – immer allein, immer kommentarlos – genau das: „Darf ich Sie küssen?“

Statt einer Antwort – denn was für eine Antwort soll er ihr schon geben? Gerne? Nicht, solange wir per Sie sind? – hebt Ansgar einen der Herzluftballons auf, die zwischen den Betonzungen liegen, und überreicht ihn ihr mit einer angedeuteten Verbeugung.

Sie knickst – und geht.

Aus dem Augenwinkel sieht Ansgar, wie ein vollbärtiger Student den nächsten Luftballon aufhebt und ihn mit einem Faden, den er aus dem Pullover vom abgeknickten Laternenmast ribbelt, an seinen Gürtel bindet.

„Das geht nicht!“, sagt Ansgar und geht über die klackernden Riesenlegoplatten auf den Bärtigen zu.

„Haste doch grade selber“, sagt der und verschwindet über die Treppe, bevor Ansgar ihn einholen oder ihm erklären kann, dass die Luftballons ein beweglicher, sich ständig verändernder Teil der Skulptur sind, weil die Luft aus ihnen entweicht, Windstöße ihre Lage verändern und jeden Morgen von der Galerie aus neue in die Landschaft geworfen werden.

Der Pullover dagegen nicht. Er war festgeknotet und durfte nicht berührt werden, so wie auch alles andere nicht berührt werden darf – dürfte, wie Ansgar feststellt, als er in den Lichthof zurückkehrt und sie, wie eine Schulklasse dem Beispiel des Studenten folgt und sich gegenseitig mit Fuck-Absperrbändern ausstaffiert.

„Nicht!“, sagt er, aber es sind zu viele, die beim Rausgehen noch welche von den Love-Plastiktüten abreißen. Er kann sie nicht alle aufhalten, er kann die Lawine nicht stoppen, die sie auslösen, als sie mit den Skulpturen-Insignien durchs Museum auf die Straße laufen und sich in der Stadt verteilen.

Wie der berühmte Schlag des Schmetterlingflügels scheint jeder von ihnen eine Handvoll neue Besucher angestoßen zu haben, denn nun strömen sie herein, brechen gekreuzte Finger von den Figuren ab und stecken sie ihn ihre Hosentaschen, zerfleddern die Textbücher und lassen sie in den letzten Plastiktüten verschwinden.

Ansgar rennt hin und her zwischen ihnen, von einem zum anderen, fuchtelt mit den Armen, reißt einzelne Teile an sich, weiß nicht, wo sie vorher lagen und wo er sie sicherstellen soll. Sein Funkgerät hat er irgendwo zwischen Drahtgestell und Betonpfeiler verloren.

Dann Stille.

Ansgar liegt verschwitzt und zerrupft auf den Betonflecken, die ihn an ausgekotzte Walzungen erinnern und fragt sich, ob es einen Unterschied macht.

Für die Skulptur, für die Kunst, für die Welt, für ihn.

„Sie dürfen mich jetzt küssen“, sagt er, als ein Schatten auf sein Gesicht fällt.

Mehr zur Skulpturen-Ausstellung in Münster

Auch wenn die aktuelle Ausstellung zu Ende ist, wer sich für weitere Informationen interessiert, wird auf der Internetseite zu den Skulptur-Projekten fündig.

Im Art-Magazin gibt es einen Artikel über die Skulptur-Projekte mit Bild der Lichthof-Installation von Michael Dean. Ebenso in der Lokalzeitung Westfälische Nachrichten. Wer sich über den Künstler selbst informieren möchte, findet auf Wikipedia erste Anregungen.

Und last but not least: Ein Dank an Gesa für die schöne Idee mit der „ausgekotzten Walzunge“.

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