
Sinje Selin hat das Kinderbuch „Djamilas geliehene Flügel“ als Selfpublisherin herausgebracht. Im Interview beantwortet sie netterweise ein paar Fragen zum Schreiben und Veröffentlichen.
Wie lange schreibst du schon? Welche Entwicklung hat dein Schreiben genommen?
Ich wuchs in einem Elternhaus auf, in dem Worte und Texte eine große Rolle spielten. Mein Vater war frischgebackener Schauspieler und liebte es, vor uns Kindern zu rezitieren. Vermutlich der Grund, weshalb ich mich schon als Kind an ersten Gedichten und Geschichten versuchte. Da mich Musik und Tanz nicht weniger begeisterten, führte mein späterer Weg an die Hochschule für Musik und Theater in Hannover, wo ich ein Rhythmik-Studium absolvierte. Es folgte viele Jahre kreativer pädagogischer Tätigkeit, in die ich kontinuierlich eigene Texte, Lieder und Ideen einbrachte. So gesehen, schreibe ich schon sehr lange für Kinder. Nach einigen Lyrik-Veröffentlichungen in Anthologien (2023/2024), ist nun mein erster Roman für Menschen ab 10 Jahren erschienen.
Es ist eine „poetisch-philosophische Geschichte“. Wie hast du die Balance hinbekommen, einerseits mit einer spannenden Erzählung zu unterhalten und andererseits etwas über „die Nähe zwischen Mensch und Natur“ zu vermitteln?
Darüber habe ich im Schreibprozess nie nachgedacht, und „vermitteln“ wäre wohl auch zu viel gesagt. Poetisch bedeutet für mich, dass Dichtheit und Klang der Sprache ebenso wichtig sind, wie der Inhalt der Geschichte. Und philosophisch ist der Stoff insofern, als er Parallelen zwischen Lebensprozessen im Natürlichen (wie Werden und Vergehen im Pflanzenreich) und der menschlichen Gefühlswelt herstellt, über die man nachdenken kann, aber nicht muss. Es ist genauso gut möglich, die Geschichte ganz aus den Bildern heraus aufzunehmen, sich inspirieren zu lassen und – etwas ungewohnt vielleicht – die Abwesenheit eines bösen Gegenspielers zu genießen.
Für Kinder zu schreiben, ist eine besondere Herausforderung, da sie die Welt mit anderen Augen sehen und ehrliche, intensive Lesende sind. Wie gehst du ans Schreiben für eine junge Zielgruppe heran?
Nicht alles ist im Schreibprozess planbar, die Geschehnisse folgen ihrer eigenen Logik, und so ist aus meiner Anfangsidee am Ende ein nicht ganz typisches Kinderbuch geworden, das (wie z. B. „Der kleine Prinz“ von Saint-Exupéry) verschiedene Altersstufen ansprechen kann. Für Kinder unter 10 Jahren würde ich das Buch auf jeden Fall nicht empfehlen. Längere Erzählpassagen fordern die Konzentrationsfähigkeit heraus, und das Thema Tod und Abschied, das in „Djamilas geliehene Flügel“ auf vielleicht ungewöhnliche Weise integriert wird, braucht eine gewisse Reife.
Auf jeden Fall treffen ehrliche, intensive Leserinnen auf eine ehrlich und intensiv Schreibende. Könnte für die eine oder andere passen …
Wo hast du dich vorab übers Selfpublishing informiert? Hast du Tipps für Internetseiten, Podcasts o. ä.?
Das Informationsangebot ist zum Glück ja riesig. Ich habe die Selfpublisher-Bibel studiert, Videos geschaut, umfassend recherchiert und Leute befragt. Ausschlaggebend für die Entscheidung war das insofern nicht, als ich schlicht keine Alternative zum Selfpublishing gesehen habe. Mit Ü 60 habe ich meine Chance bei Verlagen als eher gering eingeschätzt und wollte keine Zeit verlieren.
Als Selfpublisherin bist du für alles alleine verantwortlich. Wie hast du diejenigen gefunden, mit denen zu zusammengearbeitet hast? Im Lektorat, fürs Cover, für den Satz, …?
Vor allem im Internet, was nicht ganz einfach ist. Es macht aber auch Spaß, weil man auf viele interessante Leute trifft. Bezüglich meines Covers wurde ich mit dem Problem konfrontiert, dass professionelle Designer wenig Lust darauf hatten, meine eigene Illustration lediglich mit Text zu versehen. (Ein selbstgestaltetes Cover sollte man sich grundsätzlich gut überlegen. Keine Ahnung warum, aber potenzielle LeserInnen vermuten daraufhin gern, man könne nicht schreiben …) Tja, an dieser Stelle habe ich länger suchen müssen. Später hat BoD diese Aufgabe übernommen.
Was hättest du vor dem Selfpublishing gerne gewusst? Also, was möchtest du angehenden Selfpublisher*innen mitgeben?
Es ist tatsächlich viel Arbeit, das stellt man sich nicht so vor. Und es verursacht eine Menge Kosten, die man möglicherweise nicht mehr einspielt, nicht nur bei der Herstellung, sondern auch während der zeitintensiven Vermarktungsphase, für die man sich in manche Bereiche erst einarbeiten muss. Außerdem ist es ernüchternd zu sehen, wie Buchhandlungen auf Bücher von Selfpublishern reagieren: Bis auf wenige Ausnahmen leider sehr voreingenommen. Aber: Wenn Du gerne gestaltest und in Eigenregie arbeitest, fordert der ganze Prozess nicht nur Energie, sondern gibt auch ganz viel zurück. So gesehen ist es eine tolle Erfahrung.
Vielen Dank für deine Zeit und die spannenden Einblicke!
Hier findet ihr weitere Informationen über Sinje Selin:
Homepage: www.sinje-selin.de
Djamilas geliehene Flügel. Eine poetisch-philosophische Geschichte. ISBN: 978-3-8192-7037-6
© Fotos: Sinje Selin
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