Selfpublishing-Interview: Dierk Seidel über “Onkel Heiner”

Dierk Seidel habe ich durch das Lektorat seiner Erzählung „Onkel Heiner“ kennengelernt. Häufig schreibt er Geschichten für eine Lesebühne. Im Selfpublishing hat er bereits Gedichte und Geschichten („Perspekbriefwechsel“) herausgegeben. Zu dem spannenden Prozess, aus bereits vorliegenden Onkel-Heiner-Episoden ein Buch zu kreieren und es im Selfpublishing herauszugeben, hat er netterweise einige Fragen beantwortet.

Du hattest bereits Onkel-Heiner-Geschichten vorliegen. Wie bist du an die Auswahl und Strukturierung herangegangen, um daraus eine runde Erzählung zu machen?

Liebe Maike, zu Beginn vielen Dank für die Fragen und deine Unterstützung bei meinem Projekt.

Es ist so, dass in etwa die Hälfte des Buches stand, bevor ich überhaupt wusste, dass es ein zusammenhängendes Buch werden soll. Ich schrieb die erste Geschichte im April 2024 und dann las ich bei der Lesebühne „Halbes Sofa“ regelmäßig neue Geschichten. Sie kamen gut an. Dann reifte der Entschluss, mehr daraus zu machen. Bis dahin „stolperte“ jede Geschichte so für sich voran. Es gab zwar durchaus eine Art roten Faden, aber ein richtiges Ziel, worauf es hinauslaufen sollte, gab es noch nicht. Ich ging alle Geschichten durch, suchte das, worum es meiner Meinung nach wirklich geht, und habe dann den zweiten Teil geschrieben. Dabei hatte ich dann die Möglichkeit, auch auf einzelne Unklarheiten aus der ersten Hälfte einzugehen.

Bei der Auswahl sind dann am Ende auch schon vor dem Lektorat einzelne Bühnengeschichten rausgeflogen, die einfach witzig und unterhaltsam sind, aber die Geschichte nicht wirklich vorantreiben. Nach der Arbeit mit dir musste ich mich dann wieder mit der Frage auseinandersetzen, ob ich bestimmte Geschichten herausnehme. Zwei der anfänglich gestrichenen sind dann kurz vor Abschluss noch wieder hineingekommen. Das war mehr eine Herzensentscheidung.

Autor Dierk Seidel mit seiner Onkel Heiner ErzählungWie unterscheiden sich die Herangehensweisen beim Schreiben für eine Lesebühne und für ein Buch?

Nur um mal ein Beispiel zu nennen: Bei einer Lesebühne ist es für eine kurze Geschichte relativ egal, ob die Protagonist:innen in der heutigen Zeit kein Smartphone nutzen. Aber in einem Roman, der in dieser Zeit spielt, würde es irgendwann seltsam sein, gar kein Smartphone zu erwähnen. Für eine Lesebühnengeschichte ist die Zeit, wenn es sich um Alltagssituationen dreht, nicht ganz so entscheidend. Ein wichtiger Prozess, was dann auch noch etwas zur ersten Frage passt, war die Überlegung, welchen Figuren gebe ich etwas mehr Tiefe. Bei einer Lesebühnengeschichte tauchen sie für fünf Minuten auf und dann kommt eine neue Geschichte. In meinem „Onkel Heiner“-Buch passiert das bei manchen Figuren zwar auch, aber ich habe die bewusste Entscheidung getroffen, warum es passiert. Vielleicht kriegen ja einzelne Figuren nochmal ihre eigene Geschichte.

Wo hast du dich übers Selfpublishing informiert? Hast du für andere Schreibende Tipps für Internetseiten, Podcasts o. ä.?

Ich habe mich sehr breit informiert, mal hier gesucht, mal da. Zu Beginn war für mich die schwierige Entscheidung, bei welchem Anbieter ich es machen möchte. Dabei hilft vielleicht ein erster Vergleich z.B. hier bei Bookmundo.

Meine Entscheidung für BoD lag tatsächlich am Ende in einer Sache. Sie bieten einen Impressumsservice an, bzw. man kann ihr Impressum nutzen. Es fühlte sich aus verschiedenen Gründen für mich besser an, nicht mit der eigenen Adresse im Buch zu stehen. Als die Entscheidung getroffen war, informierte ich mich dann auch intensiv auf den BoD-eigenen Seiten. Neben der Recherche über BoD und ähnliche Anbieter:innen habe ich meine Geschichtensammlung „Perspektbriefwechsel“ als Testballon betrachtet. Die Geschichten und Gedichte, die darin erschienen, sind in Teilen schon auf dem Blog Kulturkater, auf dem ich ein Zuhause gefunden habe. So dachte ich, es geht ja fix, die Geschichten sind schon da, da kann ich mal schnell etwas raushauen und testen, wie das alles funktioniert. Dieser Prozess dauerte dann doch seine Zeit und ich bin sehr glücklich mit dem Buch. Und durch die Veröffentlichung konnte ich viele Schritte bei „Onkel Heiner“ jetzt viel schneller bearbeiten.

Buchumschlag der Erzählung "Onkel Heiner" von Dierk SeidelAls Selfpublisher bist du für alles alleine verantwortlich. Wie hast du diejenigen gefunden, mit denen zu zusammengearbeitet hast? Im Lektorat, fürs Cover, für den Satz, …?

Es ist so, dass ich neben der Tatsache, dass man für alles alleine verantwortlich ist, insgeheim ein sehr ungeduldiger Mensch bin, der gerne schnell Dinge rauslässt. Dafür ist der Blog eine gute Sache. Bei Büchern über einen Verlag würde, nachdem man überhaupt eine Zusage erhalten hätte, der Veröffentlichungsprozess wesentlich länger dauern.

Für meinen Schreibprozess nutze ich das Programm „Papyrus Autor“ (keine bezahlte Werbung), es bietet von Beginn an die Möglichkeit, das Format so einzustellen, dass es z.B. für ein Taschenbuchformat bei BoD passt. Dann habe ich durch diverse Foreneinträge die für mich richtige Formatierung gefunden. Satz und Cover habe ich zusammen mit meiner Frau gestaltet. Beim Cover stand für mich im Vordergrund, dass es möglichst schlicht sein soll. Lange Zeit hatte ich als Bildmotiv einen Hut vor Augen, doch irgendwann gab ein Testleser den Hinweis, dass es doch eigentlich klar sei, dass es irgendwas mit Pommes werden müsste. Das Foto entstand bei uns am Küchentisch.

Für ein Lektorat entschied ich mich nach der Veröffentlichung meines ersten Buches. Waren es da unabhängige einzelne Geschichten, war mir bei Onkel Heiner wichtig, dass alles gut zusammenpasst. In Gesprächen fiel immer wieder von mir der Satz „am liebsten hätte ich ja eine Lektor:in aus Münster“. Das wäre am Ende nicht der entscheidende Punkt gewesen, aber hat vielleicht die Entscheidung auch mit beeinflusst. In meiner Recherche hatte ich häufig den Eindruck, dass mein Genre für viele nicht passt. So wurde das Feld kleiner. Über einen Künstler:innenstammtisch habe ich schon vor längerer Zeit Katja Angenent kennengelernt. Durch sie kam ich dann wiederrum über kleine Umwege auf dich und bin sehr froh, dass es so gut geklappt hat. Witzigerweise haben wir uns trotz desselben Wohnortes nur per Zoom getroffen.

Was hättest du vor dem Selfpublishing gerne gewusst? Also, was möchtest du angehenden Selfpublisher*innen mitgeben?

Womit ich mich tatsächlich kaum beschäftigt habe, ist das große Thema Marketing. Bookstagram, Blogs etc. sind für mich nur Randbekannte. Ich bediene meine ohnehin schon genutzten Kanäle, aber darüber hinaus habe ich mich nicht wirklich mit dem großen Feld beschäftigt. Im Poetry-Slam-Bereich setzt man immer auch ein wenig darauf, dass man durch Auftritte Reichweite erzielt. Dennoch will ich mich noch weiterhin mit dem Thema beschäftigen.

Grundsätzlich empfehle ich, sich genügend Zeit zu nehmen und die Geschichten entweder vor Publikum schon vorab auszuprobieren oder sich Testleser:innen zu suchen. Darüber hinaus empfehle ich, wenn man noch keine Erfahrung hat, ein Testexemplar des Buches drucken zu lassen, weil man im gedruckten Buch immer noch Fehler entdeckt, die einem zuvor entgangen sind.

Du hast ja viel Erfahrung mit Wohnzimmerlesungen. Hast du den ultimativen Tipp für alle, die sich auf eine Präsentation ihrer Texte vorbereiten?

Autor Dierk Seidel bei einer LesungDer erste Tipp, den ich 2009 erhielt, war, dass man auf seinen Textblättern einen möglichst breiten Rand und eine große Schrift haben sollte, sodass man in den jeweiligen Zeilen schnell wieder die richtigen Worte finden kann. Ich selbst lese mittlerweile vom Tablet ab, da flattert kein Papier und die Größeneinstellung kann ich ebenfalls gut formatieren. Auch bei meiner Onkel-Heiner-Release-Lesung habe ich nur ein zwei spontane Geschichten aus dem Buch direkt gelesen. Das Tablet hat neben den genannten auch den Vorteil, dass man nicht zwingend auf gute externe Lichtquellen angewiesen ist, was gerade bei Wohnzimmerlesungen durchaus mal Thema sein kann.

Aber was ist der ultimative Tipp? Den gibt es, denke ich, nicht. Definitiv sollte man das geplante Programm mehrfach proben, laut lesen und die Zeit stoppen und bei der Lesung immer wieder innehalten, sich Zeit nehmen, denn die Nervosität lässt einen unbewusst hetzen. Und für die Artikulation gibt mir die „Korkenübung“ immer etwas Sicherheit. Unter dem Begriff findet sich bei YouTube schnell etwas. Ich mache diese Übung in der Regel immer mit ein paar Sätzen aus meinen Geschichten kurz vor einem Auftritt. Dabei verwende ich meine Hand statt eines Korkens. Die habe ich immer dabei.

Vielen Dank für die spannenden Einblicke und viel Erfolg mit Onkel Heiner!

Hier findet ihr weitere Informationen über Dierk:

 © Foto: Matthias Kopp

 © Cover: Dierk Seidel

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