{"id":1881,"date":"2018-03-19T06:47:30","date_gmt":"2018-03-19T05:47:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/?p=1881"},"modified":"2023-09-12T20:49:34","modified_gmt":"2023-09-12T18:49:34","slug":"lesung-im-literaturhaus-zuerich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/lesung-im-literaturhaus-zuerich\/","title":{"rendered":"Lesung im Literaturhaus Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"<p>Ausschreibungen und Wettbewerbe gibt es im Literaturbetrieb viele. Sie sind unterschiedlich bekannt und anerkannt, unterschiedlich honoriert und frequentiert &#8211; und unterschiedlich ist auch, was hinterher mit den Texten geschieht. Das <a href=\"http:\/\/www.literaturhaus.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Literaturhaus Z\u00fcrich<\/a> sucht bereits seit Jahren regelm\u00e4\u00dfig einen &#8220;Text des Monats&#8221;. Dazu gibt es unterschiedliche Schreibaufgaben. Eine Jury k\u00fcrt aus den eingereichten Geschichten einen Monatsgewinner, der auf der Internetseite ver\u00f6ffentlicht wird. Im Folgejahr entsteht aus diesen Monatstexten eine Anthologie, die bei einer Lesung pr\u00e4sentiert und verteilt wird.<\/p>\n<p>Im Februar 2017 habe ich mit meinem Text <a href=\"http:\/\/www.literaturhaus.ch\/literaturhaus\/textdesmonats\/der-karton-von-maike-frie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Der Karton&#8221;<\/a> die Ausschreibung gewonnen.<!--more--> Im ganzen letzten Jahr galt es, erste S\u00e4tze zu einer eigenen Kurzgeschichte zu vervollst\u00e4ndigen. Diese Anfangss\u00e4tze stammten aus ver\u00f6ffentlichten B\u00fcchern &#8211; zum Teil von aktuellen Schweizer AutorInnen, zum Teil aus bekannten Werken wie Pippi Langstrumpf oder von Ingeborg Bachmann.<\/p>\n<p>F\u00fcr diejenigen unter euch, die selbst schreiben: In diesem Jahr sind es Bildimpulse, die zum Schreiben inspirieren sollen. Mehr zu den <a href=\"http:\/\/www.literaturhaus.ch\/literaturhaus\/schreibwettbewerb\/texte-des-monats\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bisherigen Gewinnern<\/a> und den <a href=\"https:\/\/literaturhaus.ch\/schreibwettbewerb\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aktuellen Ausschreibungen<\/a> gibt es auf der Internetseite des Literaturhauses Z\u00fcrich.<\/p>\n<h2>Lesung im Literaturhaus Z\u00fcrich<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Literaturhaus-Z\u00fcrich-2-e1518724719218.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1891 size-medium\" src=\"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Literaturhaus-Z\u00fcrich-2-212x300.jpg\" alt=\"Lesung-im-Literaturhaus-Z\u00fcrich\" width=\"212\" height=\"300\" \/><\/a>Am ersten Februarwochenende sa\u00dfen elf der zw\u00f6lf Vorjahressieger im gut besuchten Veranstaltungssaal des Literaturhauses direkt im Z\u00fcricher Zentrum. In kleinen Gruppen kamen wir auf die B\u00fchnen, lassen Text(ausschnitte) vor und bekamen Fragen zu unserer Geschichte bzw. unserem Schreiben gestellt. Anschlie\u00dfend gab es einen Ap\u00e9ro riche &#8211; und nette Gespr\u00e4che mit G\u00e4sten und den AutorenkollegInnen.<\/p>\n<p>Es war spannend zu erleben, wie die Vorgaben umgesetzt wurden. Viele von uns hatten sich ja nicht nur einmal an der Ausschreibung beteiligt, sondern zu mehreren Anfangss\u00e4tzen Ideen entwickelt. Von \u00fcberwundenen Kindheits\u00e4ngsten vor riesigen Hunden und Aussp\u00e4hfantasien, die bedrohlich real wirkten, bis zu Zahlenspielen war alles dabei. Aufschlussreich oder Zufall, dass die Autorinnen allesamt auf dialoglose Innenschau ihrer Protagonisten gesetzt haben und die einzigen Texte mit Gespr\u00e4chen von den Autoren stammten? Wobei die Fortf\u00fchrung der M\u00e4rcheneinleitung <a href=\"http:\/\/www.literaturhaus.ch\/literaturhaus\/textdesmonats\/es-war-einmal-von-marco-schneiter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Es war einmal&#8221;<\/a> gleich ein reiner Dialog war, der die Doppelb\u00f6digkeit von gemeinsam erfundenem M\u00e4rchen und \u00dcbertragung auf den eigenen Alltag zwischen Vater und Tochter aufzeigte; gro\u00dfartig dialogisch von zwei Vorlesenden vorgetragen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Lesung-im-Literaturhaus-Z\u00fcrich.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1889 alignright\" src=\"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Lesung-im-Literaturhaus-Z\u00fcrich-208x300.jpg\" alt=\"Lesung-im-Literaturhaus-Z\u00fcrich\" width=\"208\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Lesung-im-Literaturhaus-Z\u00fcrich-208x300.jpg 208w, https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Lesung-im-Literaturhaus-Z\u00fcrich-768x1108.jpg 768w, https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Lesung-im-Literaturhaus-Z\u00fcrich-710x1024.jpg 710w\" sizes=\"auto, (max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/><\/a>Sowohl f\u00fcr Zuh\u00f6rer als auch Beteiligte war es ein kurzweiliger Abend, weil die jeweiligen Lesungen kurz waren und die Gespr\u00e4che spannende Einblicke ins Schreiben von so vielen unterschiedlichen AutorInnen vermittelten. Ein bisschen konnte der Eindruck entstehen, solche Gewinnergeschichten entst\u00fcnden mal eben so von alleine, weil wir fast alle sagten, wir h\u00e4tten sie &#8211; zum Teil unter Zeitdruck &#8211; in einem Rutsch geschrieben. Dabei ist der Punkt, dass auch solche &#8211; wirklich kurzen &#8211; Texte nach der Rohfassung bearbeitet, \u00fcberarbeitet, umgearbeitet werden m\u00fcssen, ein bisschen kurz gekommen. Au\u00dferdem ging es in allen F\u00e4llen um Kurzgeschichten &#8211; bei der Planung und Ausarbeitung eines Romans sieht das eben schon wieder ganz anders aus. Auch hierbei war es spannend, zu h\u00f6ren, wer von den anderen an welchen Projekten arbeitet &#8211; und so sind sicherlich schon ein paar Fans f\u00fcr zuk\u00fcnftige Ver\u00f6ffentlichungen gewonnen &#8230;<\/p>\n<h2>Meine Leseversion der Kurzgeschichte: <em>Der Karton<\/em><\/h2>\n<blockquote><p>Es regnete stundenlang, n\u00e4chtelang, tagelang, wochenlang.<\/p>\n<p>Zuerst war der Pappkarton auf dem Terrassentisch nur durchweicht.<\/p>\n<p>Wie immer hatte Holger den Tisch nicht weit genug zur\u00fcckgeschoben, sodass eine Ecke ungesch\u00fctzt war.<\/p>\n<p>Auf dieser Ecke \u2013 vorne links \u2013 hatte er meinen Karton abgestellt.<\/p>\n<p>Ich stand hinter dem Wohnzimmerfenster und schaute dem Karton beim Schmelzen zu. So wirkte es auf mich.<\/p>\n<p>In den ersten Minuten des einsetzenden Regens sog sich der Deckel voll Wasser, die hellgraue Pappe war zuerst hier und da dunkler gesprenkelt; dann breiteten sich die feuchten Flecken aus, bildeten ein Netz wie ineinander verschr\u00e4nkte H\u00e4nde, zogen zu den R\u00e4ndern hin und liefen schlie\u00dflich an den Seiten herunter.<\/p>\n<p>Weiter und weiter prasselte es in den Garten, auf den nicht \u00fcberdachten Teil der Terrasse, den Tisch, meinen Karton \u2013 und alles, was dort noch so herumlag.<\/p>\n<p>Mal st\u00e4rker, mal schw\u00e4cher \u2013 als ich in die K\u00fcche rollte und die Hand aus dem gekippten Fenster streckte, dachte ich, dass es beinahe nur noch feuchte Luft w\u00e4re, kaum noch Regen \u2013, doch dann kam eine neue Windb\u00f6e und mit ihr wieder dieses Platschen. Stundenlang, bis der Deckel des Kartons so eingedr\u00fcckt war, dass das Wasser in kleinen Pf\u00fctzen auf ihm stand.<\/p>\n<p>Als es sich nach ein paar Tagen und N\u00e4chten erst einmal seinen Weg hindurchgebahnt hatte, gab es kein Halten mehr. Immer tiefere Risse grub der Regen, sprengte die Fasern auseinander, schwemmte die W\u00e4nde des Kartons nach links und rechts und vorne und hinten weg, sodass sie das Innere allm\u00e4hlich meinem Blick freigaben \u2013 als ob ich nicht ohnehin genau gewusst h\u00e4tte, was darin war: Meine Medikamente. Die Fl\u00e4schchen sch\u00e4lten sich heraus, die Tablettenblister fuhren auf den Pappresten wie Boote \u00fcber den Tisch.<\/p>\n<p>Ich stand noch immer hinter dem Wohnzimmerfenster und schaute dabei zu, wie meine Welt unterging. Zwischen meinen Fingern glaubte ich verklebte Pulverkl\u00fcmpchen zu sp\u00fcren. Dabei war es nur meine Haut, die klebte und sich h\u00fcgelig anf\u00fchlte, weil ich zu wenig a\u00df und meine Dosierungen so stark heruntergefahren hatte, dass auch aus meinem K\u00f6rper die Medikamente inzwischen herausgeschwemmt worden sein mussten wie die auf der Terrasse aus dem Karton.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich wurden meine H\u00e4nde zu schwach, um die R\u00e4der des Rollstuhls zu wenden und in die K\u00fcche zu lenken. Die Wasserflaschen, die ich erreichen konnte, waren leer, aber ich konnte immer noch einen Becher aus dem K\u00fcchenfenster in den Regen strecken. Der hatte also auch sein Gutes, er erhielt mich am Leben. Von den Keksen und Bananen, die Holger hatte herumliegen lassen, war kaum noch etwas \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Wie oft hatten wir dar\u00fcber gesprochen, dass wir das Haus umbauen m\u00fcssten, die Schwelle auf die Terrasse entfernen, die Stufen vom Eingang in den Wohnbereich mit einer Rampe versehen, die T\u00fcr zum Badezimmer verbreitern \u2013 aber es war bei diesen Gespr\u00e4chen geblieben.<\/p>\n<p>Genau so, wie ich Holger wieder und wieder darum gebeten hatte, das Telefon in meiner Reichweite liegen zu lassen und mein Handy nicht auf der Anrichte aufzuladen. Er hatte dies an sich abperlen lassen wie alle meine anderen Bitten \u2013 zum Beispiel, den Terrassentisch wieder ganz unter das Vordach zu schieben, wenn er mit dem Malen aufh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Aber, ach, ich konnte ihm heute nicht b\u00f6se sein, wenn ich ihn dort liegen sah, neben dem Terrassentisch, ebenfalls vollgesogen vom andauernden Regen. Es wird wohl ein Herzinfarkt gewesen sein, der ihn dort niedergestreckt hat, so nah und doch unerreichbar weit f\u00fcr meine Arme, die das einzige au\u00dfer meinem Kopf sind, das noch funktioniert.<\/p>\n<p>Jetzt w\u00e4re ich froh, wenn mein Kopf nicht mehr intakt w\u00e4re, denn er ist gro\u00dfartig darin, dar\u00fcber zu spekulieren, was zuerst passieren wird: Dass Holgers Haut vom Regen so durchweicht wird, dass sie sich bei jedem weiteren Einschlag \u00f6ffnen und ihn irgendwann der Aufl\u00f6sung preisgeben wird, oder dass mein K\u00f6rper hier im Trockenen aufgibt.<\/p>\n<p>Abwenden kann ich mich nicht, ich werde hier ausharren hinter meiner Scheibe und uns beiden zusehen, bis zum Schluss.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Anfangssatz stammt aus &#8220;Grieche sucht Griechin&#8221; von Friedrich D\u00fcrrenmatt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Z\u00fcrichsee-e1518724782475.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1892 size-large\" src=\"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Z\u00fcrichsee-1024x680.jpg\" alt=\"Z\u00fcrichsee\" width=\"1024\" height=\"680\" \/><\/a><\/p>\n<h3>AKTUALISIERUNG 2023:<\/h3>\n<p>Das Jahresthema 2023 ist <a href=\"https:\/\/literaturhaus.ch\/schreibwettbewerb\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>&#8220;Vom Verschwinden&#8221;<\/strong><\/a>, dieses Mal gibt es quartalsweise neue Unterthemen. Die \u00fcbrigen Bedingungen sind gleich geblieben.<\/p>\n<p>\u00dcber <a title=\"Schreibwettbewerbe 2023\" href=\"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/schreibwettbewerbe-2023\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aktuelle Wettbewerbe informiert dieser Artikel<\/a>. Mehr zur Ausschreibung des Literaturhauses und <a title=\"Text des Monats beim Literaturhaus Z\u00fcrich\" href=\"https:\/\/www.skriving.de\/wordpress\/text-des-monats-beim-literaturhaus-zuerich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">meine Beteiligung 2017 erfahrt ihr hier<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Was sind eure Erfahrungen mit Literaturwettbewerben? Erz\u00e4hlt gerne in den Kommentaren davon!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausschreibungen und Wettbewerbe gibt es im Literaturbetrieb viele. Sie sind unterschiedlich bekannt und anerkannt, unterschiedlich honoriert und frequentiert &#8211; und unterschiedlich ist auch, was hinterher mit den Texten geschieht. 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