s-k-r-i-v-i-n-g wie Norwegen?

skriving bedeutet auf Norwegisch allerlei rund um das Stichwort „Schreiben“. skriving habe ich als Namen gewählt, als ich vor rund zehn Jahren anfing, freiberuflich zu arbeiten – mit allen möglichen Tätigkeitsgebieten rund ums Schreiben & mit Leidenschaft fürs Norwegische und Norwegen.
Deshalb kommt im Rahmen der Blog-Aktion „Stadt, Land, Fluss“ von Sabine Olschner von ferngeweht heute und hier mein Beitrag zu N wie Norwegen aufgehängt an den Buchstaben von skriving.

Ich freue mich auf die und an den Beiträge(n) der anderen; als Nicht-Reise-Blog bin ich wohl eher die Ausnahme. Mein Schwerpunkt liegt außerdem eher auf dem Text- als auf dem Bildmaterial, denn die längste Zeit war ich als Studentin in Norwegen – noch im vordigitalen Zeitalter …

s wie samtidskunst (Gegenwartskunst)

Kunstobjekte sind in jedem Land eine Reise wert. Auch in Norwegen finden sich herrlich verrückte Museen und so viele Ausstellungen unter freiem Himmel, dass man glatt die Natur drum herum vergessen könnte … Hier ein paar Eindrücke aus Oslos künstlerischem Freiluftleben:

Gegenwartskunst in Norwegen

Gegenwartskunst in Oslo

Der Vigelandspark in Oslo

k wie kaffe

Kaffee ist das norwegische Nationalgetränk. Er wird zu jeder Uhrzeit getrunken und überall. Schon vor der Jahrtausendwende, bevor auch bei uns die Coffeeshops Einzug hielten, hatte sich dieser Trend aus Amerika in Norwegen breit gemacht. Typisch ist, dass es kostenlosen påfyll gibt, man seinen Kaffeebecher aus einer Warmhaltekanne also selbst wieder auffüllen kann. Obwohl eine Kette, ist kaffebrenneriet einer meiner Lieblingsorte für Kaffee in Norwegen.

Norwegen_Oslo_Kaffebrenneriet

r wie ringe til (= jemanden anrufen)

Sauerland: TelefonzellennostalgieKindern zu erklären, wie das Leben vor dem Smartphone war, ist nicht immer eine leichte Aufgabe. Eine der Geschichten, die meine Älteste immer wieder hören möchte – vermutlich, weil sie sie mit ihrem modernen Erfahrungshorizont nicht erfassen kann – ist diejenige, wie ihr Vater und ich getrennt unterwegs waren und uns tatsächlich nicht erreichen konnten. Und das über Tage! Er war mit dem Fahrrad in Belgien unterwegs, ohne genau geplante Route, während ich ein Praktikum in Oslo antreten wollte. Da war ich örtlich immerhin ziemlich festgelegt, allerdings wusste ich bei meiner Anreise noch nicht, wo ich unterkommen würde, weil ich verschiedene Kontakte aus Studienzeiten erst vor Ort abklappern wollte (denn vor der Jahrtausendwende waren Auslandstelefonate furchtbar teuer, falls sich noch jemand daran erinnern sollte, und in Norwegen gab es diverse Telefonkarten von dubiosen Anbietern, mit denen man inländisch für Spottpreise telefonieren konnte). So stand ich tatsächlich an meinem ersten Nachmittag vor dem Osloer Rathaus mit Blick auf den Fjord in einer Telefonzelle und rief alte Bekannte an, um zu fragen, wo ich abends schlafen könnte. Zur Beruhigung: Wie man am Ergebnis unserer Töchter sieht, haben wir es doch geschafft, uns wieder zu erreichen …

i wie internasjonal

Norwegen_Oslo_Freia Schokolade

Warum sprechen die Norweger eigentlich so gut Englisch? Und warum verstehen sie jeden noch so radebrechenden Versuch, ein paar Brocken auf Norwegisch zu sagen? Meiner Meinung nach hat das mit ihren Kino- und Fernsehgepflogenheiten zu tun; und die wiederum orientieren sich am tief verwurzelten Ideal der Gleichberechtigung sowie an der geringen Bevölkerungsdichte. Ungefähr 5 Millionen Norweger – wer könnte für sie alle internationalen Filme und Serien synchronisieren, die über norwegische Leinwände und Bildschirme flimmern? Das wäre schwerlich zu bezahlen; außerdem möchten es die Norweger auch gar nicht, denn weil sie so wenige sind, halten sie es für sinnvoll, sich zumindest auf Englisch mit dem Rest der Welt gut verständigen zu können. Bewegte Bilder werden in Norwegen also selten synchronisiert, sondern lediglich untertitelt – und schon lernt man viel über den Klang und die Ausdrucksweise anderer Sprachen. Zu einem guten Kinoabend (in Norwegen ist übrigens Sonntag der klassische Kinotag) gehört übrigens Schokolade, zum Beispiel von Freia, und … Das mit dem Übersetzen gilt übrigens auch für Fachbücher: ein zu kleiner Markt, als dass sich Übersetzungen lohnen würden, also werden sie eben – hauptsächlich – auf Englisch gelesen. Weil es eben nicht so viele Norweger gibt, diese auch noch von einer Vielzahl an Dialekten gefärbtes Norwegisch sprechen und die englische Berieselung stetig ist, sind Norweger einerseits gewohnt, auch „anders“ ausgesprochenes Norwegisch zu verstehen, und andererseits begeistert, sobald jemand so verrückt ist, auch nur ein paar Brocken davon zu lernen. Ein Nachtrag zur Beruhigung: Kinderfilme werden natürlich synchronisiert – das wäre sonst ja auch ein bisschen viel verlangt.

v wie Voss

Im Norwegischen wird jedes V weich ausgesprochen, so wie im Deutschen bei Vase; es gibt kein Vogel-V. Das muss man als Norwegisch-Lernender erst einmal verinnerlichen. Solche Regeln verinnerlicht man am besten, wenn man damit eine Erinnerung verknüpft – so wie ich: An der Eisenbahnstrecke zwischen Oslo und Bergen kann man wunderschön stoppen, um mit der Flåm-Bahn zu fahren. Wir benutzten sie im Winter und fuhren unter dem gefrorenen Wasserfall her; ein tolles Schauspiel! Vorher wollte ich telefonisch eine Jugendherberge reservieren. Wohlgemerkt nicht nur ohne Smartphone, sondern zu einer Zeit, als es noch öffentliche Telefonzellen und festinstallierte Apparate mit schnurgebundenem Hörer gab. Ich bat den Mann in meiner aktuellen Jugendherberge darum, mir die Telefonnummer der Jugendherberge in Voss herauszusuchen, damit ich dort für den nächsten Abend Betten reservieren konnte, sprach es aber „Foss“ aus – was zu einigem Kopfschütteln und einer längeren Diskussion führte, weil Foss von meinem aktuellen Standpunkt aus viel zu unlogisch war. Wieder was gelernt!

i wie igitt (norwegisch: æsj)

Norwegen WG-Gewohnheiten: Spinne am Morgen ...Mein Studentenleben in Oslo war eine herrliche Zeit mit vielen tollen Eindrücken – nur leider schon allzulange her … Meine ausschließlich norwegischen Mitbewohner haben mir viel beigebracht, nicht nur Norwegisch, sondern auch viel über Land und Leute. Eine Erfahrung musste ich allerdings nicht machen, worüber ich froh bin: Bei einer Freundin von mir gab es noch eine Mitbewohnerin ohne eigenes Zimmer, die WG-Wanderspinne. Jeder, der sie irgendwo bei seinen Sachen fand, durfte sie bei einem anderen Mitbewohner wieder verstecken. Da kam sie schon mal aus der Cornflakespackung gekrochen, schlief unterm Kopfkissen und kam in der Sporttasche mit zu einem Ausflug. So sind sie, die Norweger, die ich kennengelernt habe: Alle ein bisschen total liebenswert verrückt.

n wie Nidarosdom

Der Nidarosdom in Trondheim ist eines der bekanntesten Wahrzeichen von Norwegen. Ein beeindruckendes Gebäude, ehemals Stätte von Königskrönungen und Herz einer lebendigen Studentenstadt. Immer, wenn das Gespräch auf den Nidarosdom kommt oder ich irgendwo ein Bild davon sehe, denke ich jedoch als erstes daran, wie stark Geräusche und Gerüche die Erinnerungen prägen. Gerade, wenn ich alleine unterwegs bin, besuche ich gerne Kirchen, denn ich mag es, zwischen anderen zu sitzen und in einem fremdsprachigen Gottesdienst landestypische Gepflogenheiten kennenzulernen. Und in Trondheim war ich alleine, besuchte einen Gottesdienst und durfte danach den Proben für ein großes Chorfestival lauschen. Wie sich zwischen diesen alten Mauern, unter den hohen Kuppeln die norwegischen Stücke gewaltig ausspannten, war für mich ein unvergessliches Erlebnis.

g wie Gaustatoppen

Norwegen Möwe: frei wie ein Vogel

Diese Erinnerung könnte auch unter i wie integrasjon stehen. Unweit des Gaustatoppen, ein Berg bei Rjukan zwischen Oslo und Hardangervidda, stellten wir auf einem Wanderparkplatz unser Auto ab, um den Rest der Strecke zu Fuß zu erledigen. Mit ein wenig schlechtem Gewissen zogen wir los, denn eigentlich ist es ja gegen die Ehre, so weit anzufahren, aber unsere Zeitpläne ließen keine andere Möglichkeit zu, wenn wir hier noch wandern wollten, bevor es dunkel würde, denn wir konnten schließlich nicht fliegen. Verwundert bemerkten wir drei Toiletten-Kabinen auf dem Parkplatz: für Männer, Frauen und Rollstuhlfahrer. Letztere entlockte uns ein Lächeln ob der etwas verrückten Norweger und schon zu diesem Zeitpunkt ein anerkennendes Kopfnicken dafür, dass man Integration auch ernst nehmen kann. Als wir uns schon eine ganze Weile über einen schmalen Trampelpfad durch ein Geröllfeld Richtung Gipfel gekämpft hatten, kam uns eine Dreiergruppe entgegen: Ein Mann und eine Frau, die zwischen sich, mit jeweils einem Arm über ihren Schultern, eine ältere Frau trugen. Eine kurze Unterhaltung klärte, dass dies keine Notsituation war: Sie wollten ihrer Mutter – Rollstuhlfahrerin, wie man sich an dieser Stelle denken kann – einfach nicht den Blick vom Gipfel vorenthalten. Unser Urteil „etwas verrückt“ änderte das zwar nicht, verfestigte aber den Beigeschmack von „sympathisch verrückt“, den dieses Urteil schon stets in sich trug. Nachbemerkung: Unsere Ehre war später wieder hergestellt, denn dies war eine unserer ersten Wanderungen und was norwegische Ausschilderungen mit „rund 1,5 Stunden“ meinen, war uns da noch nicht klar … (Für alle nicht so Norwegen-Bewanderte: Solche Zeitangaben gelten nur für Eingeborene, zum Beispiel Schulklassen mit leichten Turnschuhen. Touristen mit ordentlichem Wanderequipment brauchen dafür bis zum Doppelten – wenn sie denn den Weg finden …)

Fazit: Norwegen ist immer eine Reise wert, ob mit oder ohne moderne Technik – die Erinnerungen werden so oder so breite Spuren hinterlassen.

Norwegen_Fahrwasser_Color Line

Also, s-k-r-i-v-i-n-g wie Norwegen!

Fotos: Sebastian Frie (Telefonzelle und Spinne: Maike Frie)

4 thoughts on “s-k-r-i-v-i-n-g wie Norwegen?

  1. Danke für den schönen Beitrag zu unserem gemeinsamen Stadt-Land-Fluss-Projekt. Schön, dass auch eine Nicht-Reisebloggerin dabei ist!

    • Ich freue mich, dass du die Grenzen nicht so eng gesteckt hast und ich dabei sein konnte. Wenn man sich deine Beiträge durchliest und all die anderen Reiseblogs anschaut, fragt man sich schon, warum man überhaupt etwas anderes macht …

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