Der Soundtrack des Schreibens

… der Soundtrack des Schreibens. Ich sehe was, das du nicht siehst, und das ist – unbeschreiblich. Nicht umsonst sind wir sprachlos, ohne Worte, mit zugeschnürter Kehle und trockenem Mund, wenn uns etwas besonders heftig bewegt. Und ausgerechnet dort will Literatur stattfinden: wo das Unsagbare, Unbeschreibliche, Unaussprechliche beginnt.

Rezension zu Juli Zehs „Treideln“

Im Sommersemester 2013 hielt Juli Zeh in Frankfurt die Poetikvorlesung. Sie las E-Mails vor: Gedanken über das Schreiben, über das Leben als Schriftstellerin (mit der Notwendigkeit, von der Abfallberatung eine größere Papiertonne zu fordern und „bekloppte“ Redaktions-Praktikanten-Fragen zu beantworten) und über ein Romanprojekt, an dem sie den Schreibprozess live zeigt. Dieses Romanprojekt stirbt während der Briefe, aber Juli Zehs Gedanken leben weiter.

Der Grund, warum es für mich nur eine Anti-Poetik geben kann: Es gibt einen Unterschied zwischen Schreiben und Literatur. Der Literatur wohnt im besten Fall eine Größe inne, die man übermenschlich nennen darf, weil sie den Autor transzendiert. Das Schreiben hingegen ist nur eine Tätigkeit, die man besser oder schlechter beherrscht. Permanent bedroht von den üblichen Schwächen wie Faulheit, Feigheit, Eitelkeit. Oft verschüttet unter Alltagssorgen. Dem inneren Schweinehund abgerungen. […] Am Ende des Schreibens steht die Literatur, und in dieser drückt sich etwas anderes aus. Sie vermag ähnliches wie die Musik: das Unsagbare, Unaussprechliche, nicht zu Beschreibende wahrnehmbar zu machen. Es aus der Welt nehmen und in die Welt setzen. Literatur enthält Dinge, die der Autor nicht absichtlich hineingetan hat. […] Nur weil das so ist, weil Literatur größer ist als das Schreiben, lesen Menschen Bücher. Das Schreiben bringt nicht einen, sondern unzählige Texte hervor, nämlich mindestens einen pro Leser.“

Juli Zeh beschreibt den Schaffensprozess als ein Garnknäuel im Kopf, aus dem Schreibende etwas ent-wickeln:

… versuchen zu erklären, wie man 300 Seiten mit ein- und derselben Geschichte vollkriegt. Am ehesten fühlt es sich an, als zöge man behutsam an einem leicht zerreißbaren Garn. Im Kopf befindet sich ein ungeheures Knäuel aus Gedankenfäden, die miteinander verschlungen, verwoben, verknotet sind. Der Erzählende ertastet ein loses Ende – pathetische Gemüter nennen das Inspiration – und beginnt, vorsichtig zu ziehen. Reißt der Faden, ist der Spaß vorbei. Hält er aber und wird länger, fängt man an, den Faden um die Hand zu spulen, und was sich da buchstäblich ent-wickelt, ist dann die Geschichte. Ab jetzt ist alles Dosierung. Wildes Herumzupfen an allen möglichen Enden hilft nicht. Zu heftiges Ziehen würde den Faden zerreißen oder das Knäuel zu fest zusammenzurren. Wer aber zu schwach zieht, kommt auch nicht weiter. Als gleichzeitig festhalten und loslassen. Dem roten Faden folgen und dabei die Freiheit der weiten Landschaft genießen. […] Das Maß der Freiheit ist übrigens proportional zur Länge des Textes. Kleinere Formen verlangen bessere Organisation, strafferes Management, genauere Überprüfung jedes einzelnen Details. Beim Roman darf man erst einmal losgehen und gucken, was kommt.

Erst einmal losgehen und nur so einen Roman schreiben

Dieses Nur-so beschreibt Juli Zeh als ihren Erfolgsfaktor bei ihren ersten Romanen. Neben ihrem Jura-Studium schrieb sie, ohne Anspruch und ohne Ziel, und hatte so genug Freiheit, um ins Schreiben abzutauchen. Nach dem Schreiben wird sie zu ihrer eigenen Lektorin, lässt ihren inneren Kritiker heraus und überarbeitet – intensiv. Diesen inneren Kritiker beim Schreiben jedoch auszuschalten hält sie für elementar, um überhaupt schreiben zu können. Deshalb liest sie auch nie durch, was sie geschrieben hat, wenn sie weiterschreibt. Für sie funktioniert weder eine großangelegte Planung mit Skizzen und Figurenbiografien noch ein Projekt, das auf Veröffentlichung und Intention zielt. Für sie ist entscheidend, dass Schriftsteller schreiben wollen, nicht Literatur schaffen.

Es wird etwas erschaffen, aber nichts geschafft. Das, was man Roman nennt, stößt einem zu. Auch Romane beginnen mit einem Gedicht, oder besser: mit einer Verdichtung. Einer Situation, einem Gefühl, einem Sprachblitz, vielleicht auch schon mit Bruchstücken einer Geschichte. […] Plötzlich ist da ein Imperativ aus dem innersten Stockdunkel der eigenen Person, der sagt: Mach etwas daraus. Man fängt an zu schreiben, höchst unverbindlich, es muss ja nicht gut werden, es muss niemand lesen, es geht niemanden etwas an, es kann schmerzlos und lautlos in den gut gefüllten Schubladen landen, wenn sich die angestochene Quelle als wenig ergiebig erweisen und bald wieder versiegen sollte. Und dann findet man unter Umständen kein Ende. Weil man die Landschaft, die sich beim Schreiben öffnet, nicht mehr verlassen möchte. Weil die Sprache zu schwingen und zu klingen beginnt und den passenden Soundtrack liefert zu den Bildern, die vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Ganz allein sitzt man am Mischpult und hat die Regler vor sich. Man kann Wetter machen, Menschen zusammenführen und trennen, Geheimnisse erfinden und aufklären.

Das Handwerk des Schreibens

Auch wenn in manchen Zitaten die Inspiration betont wird, legt Juli Zeh Wert auf das Handwerk des Schreibens, mit dem man sich auf jeden Fall beschäftigen sollte, das man wie andere Künstler ihre technischen Grundlagen, unbedingt erlernen und üben solle. Speziell führt sie das Konzept der Heldenreise an – die Beschäftigung damit habe ihr zu Erkenntnissen über das Erzählen und Schreiben verholfen. Sie sagt explizit nicht, dass sich so Romane planen und aufbauen lassen, dass sich aber im Schreibprozess damit Geschichten prüfen und überarbeiten lassen, weil das Erzählen (unbewusst) diesem Muster folgt, wenn Texte funktionieren.

Juli Zeh ist ein Text gelungen, der sich leicht lesen lässt und dennoch Zeit fordert, wenn man sich mit all ihren Gedanken zur Verantwortung in der Welt auseinandersetzen möchte. Sie gewährt Einblicke in ihr eigenes Schreiben und bietet Anknüpfungspunkte für jedermanns Schreiben. Denn Erzählen ist unauflöslich mit der menschlichen Existenz verbunden.

Es ist beruhigend und erschreckend zugleich, dass eine etablierte Autorin wie Juli Zeh über ihr eigenes Schreiben sagt, dass ihr nur alle paar Wochen ein rundum zufriedenstellender Satz gelänge. Ansporn, die eigenen Ansprüche nicht zu niedrig zu hängen, und gleichzeitig Ansporn, es einfach zu versuchen – überarbeiten kann man immer noch, und was die Leser später in den Sätzen sehen werden, ist ohnehin ungewiss.

Ich kann „Treideln“ wärmstens empfehlen. Für alle, die gerne etwas über den Lebensweg von Schriftstellern hören, für alle, die Juli Zehs Romane mögen und gerne etwas über die Entstehungsgeschichten von Texten erfahren, für alle, die selbst schreiben und über ihre eigenen Schreibprozesse nachdenken möchten, für alle, die gerne lesen.

… und natürlich für alle, die wissen möchten, was es mit dem Titelbegriff auf sich hat.

Mehr zur Autorin Juli Zeh auf ihrer eigenen Internetseite www.juli-zeh.de oder auf Wikipedia und bei ihrem ehemaligen Verlag Schöffling. „Treideln“ gibt es auch als Videodokumentation der Poetikvorlesung.

Link zur Frankfurter Poetikvorlesung

 

Juli Zeh: Treideln, btb 2015, ISBN 978-3-442-74814-3

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