Alphabetisierung

Der weite Weg zum Wort

Wenn man Autoren fragt, seit wann sie eigentlich schreiben, antworten viele so etwas wie „eigentlich immer schon“. Denn für Schreiblüstlinge und Lesewütige ist eines unvorstellbar: Bei der Buchstabenwelt außen vor zu sein. Doch auch in Deutschland gibt es genug von ihnen – Menschen mit Problemen beim Lesen und Schreiben, Menschen ohne Verbindung zum geschriebenen Wort.

Es ist schon auffällig unter Prominenten: Mit einer Matheschwäche kann man wunderbar kokettieren. Es gab sogar mal T-Shirts , die einige Leute scheinbar lustig fanden: „In Mathe bin ich nur Deko“ stand darauf. Aber wie oft sagt ein bekanntes Gesicht, dass er oder sie nicht richtig lesen oder schreiben kann? So gut wie nie. Natürlich steht Deutschland mit seiner Alphabetisierungsrate von über 97 % bombastisch gut da – in manchen Ländern Afrikas, in denen nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung lesen und schreiben kann, sind die Probleme vollkommen anders gelagert. Doch in unserer Gesellschaft gehören lesen und schreiben einfach dazu – es gilt Formulare auszufüllen, Bedienungsanleitungen zu studieren oder Verträge zu unterschreiben; mal ganz abgesehen von der schönsten Sache der Welt, der Literatur. Wer sich da ein X für ein U vormachen lässt, fühlt sich schnell auf dem Abstellgleis.

Analphabeten in Deutschland?

Um Hilfe zu bitten, ist in solch einer Situation nicht leicht. Denn schließlich haben wir in Deutschland die Schulpflicht, da ist es doch gar nicht möglich, dass jemand das System durchläuft und hinterher dennoch nicht ausreichend lesen und schreiben kann, oder? Ist es doch! 2011 hat die Hamburger Universität eine Studie (leo. – Level-One Studie zur Größenordnung des Analphabetismus) veröffentlicht, die wachrüttelte: Rund zwei Millionen Erwachsene im erwerbsfähigen Alter können in Deutschland überhaupt nicht lesen und schreiben (Analphabeten), über sieben Millionen kennen vielleicht die Buchstaben und können ihren Namen schreiben oder einfache Sätze, aber mehr nicht (funktionale Analphabeten).

Obwohl die UN 2003 zu einer Alphabetisierungsdekade aufgerufen hat, gibt es bei uns erst in jüngster Zeit politische Anstrengungen, diesem Missstand entgegen zu treten. Auf der Internetseite www.alphabund.de gibt es Informationen über aktuelle Entwicklungen und Projekte. Dort engagieren sich bereits seit 2006 mehr als 150 Projekte zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener.

Den Förderschwerpunkt „Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ gab es von 2007 bis 2012, seitdem gibt es die „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener in Deutschland“, ins Leben gerufen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Kultusministerkonferenz; inzwischen haben sich kirchliche Gruppen und verschiedene Bildungsverbände angeschlossen.

Und wer tut konkret etwas?

Den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V. (BVAG) gibt es allerdings schon seit über 25 Jahren – bis heute nach eigenen Angaben die einzige bundesweit tätige Fach-, Service- und Lobbyeinrichtung. Der Bundesverband unterhält das ALFA-Telefon – eine Beratung zu Kursen –, betreibt eine Internetseite, die man sich anhören kann (www.alphabetisierung.de), erstellt Lernmaterialien, trainiert Lehrer und vor allem: sensibilisiert die Öffentlichkeit. Die Alphabetisierungskurse selbst finden meist an den Volkshochschulen statt. Rund 20.000 Menschen besuchen jährlich Alphabetisierungskurse bei einer VHS – das ist schön, aber wie hoch war die Zahl der potenziellen Teilnehmer noch mal …? Allerdings spielen dabei nicht nur fehlende Mittel für günstige Kurse eine Rolle; es muss eben auch genügend geeignete Lehrer geben und die Menschen müssen überhaupt erst den Weg in einen Alphabetisierungskurs finden. Dafür ist die Hemmschwelle oft hoch, denn viele haben negative Lernerfahrungen hinter sich und scheuen den Schritt in die Öffentlichkeit. Mit erstaunlicher Kreativität und stabilen Netzwerken umschiffen sie im Alltag die Klippen ihrer Schriftlosigkeit. Wie die Hamburger Studie aus 2011 ergab, haben sogar über 50 % von ihnen einen Arbeitsplatz (was gar nicht so viel weniger als bei den Schreibkundigen ist). Noch beeindruckender ist es jedoch, wenn jemand den Schritt in ein neues Leben wagt, sich selbst und vielleicht auch seiner Umgebung seine Probleme eingesteht und etwas dagegen unternimmt, sich über Jahre hinaus mehrmals wöchentlich in seiner Freizeit hinsetzt und wieder lernt. Oft ist der entscheidende Ansporn ein konkretes Ziel: der Führerschein, eine mögliche Beförderung oder den Kindern bei den Hausaufgaben helfen zu können.

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für den Einzelnen

Denn bei der Alphabetisierung geht es nicht nur ums pure Lesen- und Schreibenkönnen. Literaturbegeisterte können es nachvollziehen: Lesen öffnet neue Welten, Schrift bedeutet neue Kommunikationsmöglichkeiten und damit ein gesteigertes Selbstwertgefühl. Für uns alle ein Ansporn: Egal, von wo aus man startet, wenn man wirklich motiviert ist und sich anstrengt, kann man erreichen, was man schaffen will.

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