Teilnehmertexte

Die Kurzgeschichten der Teilnehmer von Schreibwerkstätten sind wie Leuchtsterne.
(c) Sebastian Frie

Und was geschieht so in Münsters Schreibwerkstätten? Es wird geschrieben, es wird „textperimentiert“ und es wird viel gelacht …

Dabei entstehende Skizzen, Textanfänge, Szenen, Textgerüste oder Jahreskonzepte und auch ganze Geschichten. Hier ein paar unserer gemeinsamen Sternstunden:

 

Gruppentext zur Betrachtung von abstrakten Bildkarten:

Die Giraffe schaut aus dem Fenster. Es ist das erste Mal, dass sie Zug fährt. Die Sonne geht unter, draußen verschwimmen Wiesen und Waldrand zu einer gelbgrauen Fläche.
Der Rucksack drückt auf den Schultern; sie hätte das tote Nashorn doch zu Hause lassen sollen.

 

Tagesseminar „Bin ich schon drin“; Übung „Auf einen vorgegebenen Schlusssatz hinschreiben“

Katja Angenent: Plötzliche Untiefe
Sie sah mich an. Ihre Augen waren klar wie stilles Wasser, das mein Bild spiegelte.
„Du kannst mir nicht entkommen“, sagte ihr Blick, „ich weiß doch ohnehin, wo Du hingehen wirst.“ Ich sagte nichts.
Ich hatte mich vorbereitet, Argumente zurechtgelegt, Entschuldigungen eingeübt, Vorwürfe vorweggenommen. Nein, niemand konnte mir vorhalten, dass ich nicht vorbereitet war. Ihr Gesicht war sanft wie immer, ausdruckslos. Ihre blauen Augen wie ein tiefer See. Plötzlich verspürte ich Angst, und dass ich diese Angst verspürte, machte mich unsicher. Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Wie auch? Ihre Augen, so rein und klar, schauten mich immer noch an. Abwartend, ruhig.
„Ich …“ sagte ich, merkte, dass ich mich verteidigen wollte und ließ den angefangenen Satz in der Luft hängen. Falsche Taktik. Sie schaute mich an, sagte immer noch nichts.
Ich konnte nicht fahren. Ich brachte es einfach nicht über mich, sie zurückzulassen. Nicht an diesem Abend, nicht am nächsten Morgen, und auch nicht am nächsten Abend. Ihre Stille hat mich umgestimmt. Denn gegen raue See hatte ich mich gewappnet, aber das stille Wasser nahm mich gefangen.

 

Wochenend-Workshop; Übung „Stadt, Land, Fluss-Charaktere miteinander in Dialog treten lassen“

Sylvia Geiss: Gleisbauer-Stullen
„Molly, wo bist du denn schon wieder?“, rief Gustl, der Gleisbauer aus Gießen.
„Hier oben, auf der Mansarde“, rief Molly zurück. „Ich hänge gerade die Wäsche auf.“
„Mensch Molly, du weißt doch, dass ich als Gleisbauer Schichtdienst habe und gleich weg muss. Wo sind denn meine Stullen?“, raunzte Gustl.
„Der alte Meckerer“, brummte Molly vor sich hin. „Ich bin gleich unten, dann mache ich dir deine Stullen“, antwortete sie mit müder Stimme.
„Die hätten schon längst fertig sein müssen“, stieß Gustl mürrisch hervor.
„Ich wünschte, du würdest etwas mehr würdigen, dass ich als Hausfrau und Mutter alle Hände voll zu tun habe, da wirst du dir deine Stullen auch mal selbst machen können“, herrschte Molly ihren Mann an. „Ich finde dein Benehmen ziemlich gemein. Du glaubst wohl, du bist der einzige, der hier arbeitet?“, warf sie noch hinterher.
„Ach komm schon, mein Sahnetörtchen, war doch nicht böse gemeint“, entschuldigte sich Gustl. „Deine Gleisbauer-Stullen schmecken halt so gut, dass mir jedes Mal ganz warm ums Herz wird, wenn ich reinbeiße.“

 

Tagesseminar „Einfach mal reinschnuppern“, Schreibübung zu Bilderwürfeln (Roryʼs Story Cubes)

Eva Holtz: Kleine Zeitreise
Als die Würfel gefallen waren und in unserem Haus das Kind eingezogen war, fingen die sternenklaren Nächte an, anstrengend zu werden, da auch das Theater um die Zähne kein Ende nehmen wollte.
Und als ob es kein Ende geben wollte, wurden auch die nicht sternenklaren Nächte anstrengend und man konnte das kleine Wesen nur mit einer Taschenlampe sehen.
In der Zeit, als das Kind älter wurde und das 1×1 gelehrt werden musste, ging das Alter auch am Opa nicht vorbei und der Handstock war sein ständiger Begleiter.
Und als das 1×1 gekonnt wurde, der Opa immer mit dem Handstock spazierte, kam die Zeit, dass man das Kind am liebsten in den Turm gesperrt hätte, denn die schöne Zeit durfte doch noch nicht vorbei sein.